Neues aus der Heimat

Irreführende Überschrift, weil es ja gar nix Neues gibt. Zumindest nicht in der niederbayerischen Heimat. Dass so manche Schnellstraße vielleicht die Zilliarden ihrer steuerzahlenden Befahrer gar nicht zur Gänze wert war, zeigt die groteske Leere derselben, aber noch nicht einmal ein Anti-Kommeatist (selbst kreiert, braucht ihr gar nicht nachschlagen) wie ich beklagt sich nicht, wenn er jetzt zwanzig Minuten weniger nach in Regensburg braucht. Und zahlen tun’s ja eh meine betuchten Landsleut mit Hauptwohnsitz in Gottmitdirdulandderbayern. Aber das Neue wäre an der erweiterten B15 ja nur, wenn sie irgendwann fertig wird. Was aber genau wie bei der St2142 streng in den Bereich der Science Fiction zu verweisen ist.

Einem selbst sind manchmal auch ältere Sachen neu. Zum Beispiel, dass das Hallenbad in Straubing so arschgemütlich und gepflegt ist. Und auch nur drei Euros Eintritt kostet. Oder dass das Wetter im Juli mieser als das im April ist. Dass der Regionalexpress von Neufahrn (Ndb) nach München jetzt den ersten Stocks seiner Wagen zur ersten Klasse erhoben hat und dass mehr Leute im Zug stinken als nichtstinken. Dass sich die gemeinsten und millionenschweren Intrigen um die Vergabe von Festzelten beim Straubinger Gäubodenfest entspinnen, und dass das in meinen Ohren schwer nach einem Fall für Mandel und Singer klingt.

Apropos Sigi Singer. Der erzählende Underdog-Detektiv aus meinem Debütroman hört ja auf die schöne Alliteration Sigi Singer, die mir schon mal ein Rezensent als absurd angekreidet hat. Jetzt ratet mal, von wem ich neulich Post mit der Bitte um ein signiertes Buch bekommen habe. Sigi Singer aus der W***straße in München. Noch dazu ein Spezl von meinem Lieblingsonkel. Von ihm gehört hatte ich dennoch bis dato nicht und so war es mir ein Vergnügen, quasi mit meiner eigenen Romanfigur in Briefkontakt zu treten. Noch dazu, weil der echte Sigi Singer wie der fiktive aus der Oberpfalz kommt. Und apropos Oberpfalz: Regensburg hat ein Mittelalterfest. Für vier Euro Eintritt darf man Schneider Weisse und Stockbrot kaufen. Und Jolandolo vom Birkenschwamm zuhören. Dem natürlich umsonst.

Und sonst? Fußballfreie Zeit genießen, übers Transfergeschäft schmunzeln, sich über Matthias Sammer freuen und Angst haben vor der unglaublich guten Laune von Jürgen Klopp. An der kleinen Laber entlang laufen und in den triefenden Wiesen stecken bleiben, mit dem Fahrrad Feldwegsackgassen erkunden und am Ende immer in den Brennesseln landen. Überhaupt feststellen, dass ein verregneter Sommer dem niederbayerischen Mildhügelland eine recht charmante Urwüchsigkeit anhängt. Der Niedergang der Agrarkultur gibt dem Land ein bisschen was von seiner Wildnis zurück. Dass die Leute immer noch daheim bauen und vorher ganz lange daheim bleiben, versteh ich mittlerweile besser, auch wenn ich meine Midlife-demente Landliebe noch soweit im Griff habe, dass ich nach einer Woche gerne wieder in Berlin eintreffe.

Song für die Optimierer

„Nix mitnehma“, im unvergleichlichen Original von Georg Ringsgwandl, einem Vorbild, und im ganz originalen Original vom Bob Dylan, auch einem Vorbild.

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Kurzkritik zu The Amazing Spider-Man

Anfangs dank der Hauptdarsteller Stone/Garfield noch ganz erträgliche Spidey-Schmonzette, die sich ab der Hälfte mit einem 0815-Bösewicht (schwach: Rhys Ifans), einer erzdrögen Handlung (warum in Gottes Namen schon wieder die ganze Mythologie aufrollen) und einer Überdosis Kitsch ihr eigenes Grab schaufelt. Und James Horner erledigt hier einen dermaßen schlechten Job beim Soundtrack, dass ich das erste Mal in meinem Leben von einer Filmmusik mehr genervt bin als vom eigentlichen Film. Trotz der schön inszenierten Akrobatik also eine herbe Bauchlandung für Regisseur Mark Webb, dessen Handschrift (vgl. 500 Days Of Summer) farblos bis nicht vorhanden ist, um’s mal mit Monaco Franze zu sagen.

NACHTRAG: Und warum ist Peter Parker in jedem Spider-Man-Film so eine betonte Heulsuse statt ein schlagfertiger, ironischer Typ. Es geht doch auch beides, sieht man bei mir. Und warum reisst er sich (auch schon bei Raimi) ständig seine Maske vom Kopf? Batman macht das doch auch nicht.

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Kurzkritiken zu Moonrise Kingdom, Mission Impossible 4, Haywire, The Thing, Sherlock Holmes 2, The Woman In Black, We Bought A Zoo

Moonrise Kingdom:
Zu wenig Murray, zu wenig Mysteriöses, zu coole Kids. Wohl dosiert dagegen: Musik, Willis, Norton.

MI4:
Tom Cruises Frisur spielt wie entfesselt.

Haywire:
Lässiger ist noch kein Actionfilm an mir vorüberspaziert. Unglaublich laszive Zweikampfszene mit Carano und Fassbender. Das war „Salt“ in gut!

The Thing:
Ach ja. Mary Elizabeth Winstead edelt für mich ja jeden Film. Wahrscheinlich ist er auch so gar nicht so übel, aber seit dem Original ist viel Zeit und Monsterkram vergangen, das Herumtentakeln haut einfach niemand mehr vom Hocker. Schon gar nicht wenn man eh nur noch auf „Prometheus“ wartet.

Sherlock Holmes – A Game Of Shadows:
Überraschend unüberzogen. Eloquent und elegant hoffnungslos und sinnentleert noch dazu. Mad Mens Jared Harris als Moriarty taugt was.

The Woman In Black:
Grandios ausgestatteter Retro-Horror mit einem dämlichen Ende.

We Bought A Zoo:
Mensch, Cameron Crowe.

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Castagneto Carducci

Und zum dritten Mal jauchzte dein Mai, o Italia, höher,
Als wieder dein Bürgertum sprach.
(Giosuè Carducci)

Der Tag nach dem Urlaub ist der grässlichste. Wenn du bei REWE stehst und fassungslos die Verkäuferin mit den lila Strähnen anschaust, ihr Mund bewegt sich tranig, wie in Zeitlupe, und heraus schält sich dieses ordinäre Deutsch, das dir mit der inbrünstigsten Gehässigkeit sagt, dass sie eben keine andere Salami als diesen fetttriefenden Hohn von einer Mailänder hat. Wenn du nach Hause gehst und dich im Juni auf den Balkon stellst, auf die Feuerwand starrst und dir ein frostiger Ostwind den Teint im Sekundentakt wieder aus den Poren zieht. Das ist ein gottverlassener Ort, diese Stadt, dieses Berlin, dieses Deutschland, denkst du.

Heute morgen hättest du fast geweint, als du über die Via Aurelia in Richtung Livorno durch die samtenen Nebelbänke geglitten bist und rechts von dir wie ein Feuerball über der Savanne die Sonne hinter den etruskischen Hügeln hervorgestiegen ist. Geweint, weil es wie die willkürlichste Gemeinheit, der grausigste Zufall erscheint, dass es Leute gibt, die als Südländer geboren sind und andere als Deutsche. Weil die einen ihre Freizeit am Sonntag gerne auf Autobahnraststätten verbringen, während die anderen bei einem Glas Rotwein auf der Viale dei Cipressi campen, weil sie wissen, dass sie die schönste Straße der Welt vor der Haustür haben. Weinen, weil Leute wie wir im Weinbergspark oder auf dem Gärtnerplatz sitzen, und dem sogar noch etwas Mediterranes abringen, während man auch in Bolgheri oder oben in Sassetta, oder auf dem ewig dämmernden Park auf den Dächern von Castagneto einen Vermentino zu sich nehmen könnte.

Aber es muss, es darf gar nicht nur dieser schwäbisch angehauchte, pseudohumanistische Landschafts- und Weintourismus sein, der einen in den italienischen Müßiggang treibt. Es ist das Beiläufige, das Wurschtige dieser Region, die sich in den 16 Jahren, in denen du nicht da warst, nicht um einen Deut verändert hat. Das geordnete Herumtreiben der Landbevölkerung, das permanente sich-Verhocken, die lässige Selbstverständlichkeit von hohem Gras und hohen Pinien vor Sandstränden und die charmant indifferente Einrostung der Aufspannmechanik der Sonnenschirme in Marina Di Castagneto. Das sanfte und überhaupt nicht boshafte Ignorieren, dass du überhaupt da bist mit deiner Vorstellung von Italien, deinem blasphemisch Goethe-istischen Anspruch von dem gottgegebenen Land, das Gott leider unrechtmäßig den Italienern und nicht uns Deutschen gegeben hat. Das sanfte Wegschauen und Weghören, hinweg hören über unsere brutale und verbrecherische Sprache ohne Lust und Melodie. Und die kulinarische und grenzenlose Loyalität Kindern gegenüber, selbst wenn es die von den Deutschen sind.

Morgens um acht sitzen sie alle vor den Bäckereien in Donoratico und reden und essen und trinken einen Kaffee und reden. Dann sitzt lange mehr niemand irgendwo. Erst zwölf Stunden später sitzen wieder alle und dann wird durchgesessen bis spät in die Nacht, während du ja längst schläfst wegen den ganzen Ausflügen und atemlosen Aufsaugen der Szenerie. Ständig mäht jemand eine Wiese, irgendwo parkt jemand ein und wieder aus und in aller Seelenruhe verfallen die alten Häuser und Bauernhöfe, falls nicht jemand einen Agriturismo draus macht oder ein Schweizer vorbeischaut und alles aufkauft. Dem sanften Verfall schaut man überaus gern zu, wenn der Mond längst aufgegangen ist und die letzten Fäden eines glutroten Sonnenuntergangs aus dem Himmel hängen, während man im Wasser liegt und darüber nachdenkt, was für eine Verschwendung an Energie doch die eigene Mentalität ist.

Der Tag nach dem Urlaub ist der grässlichste.

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The Gebruder Grim – King Of The Graves

Das Video ist endlich fertig. Wunderbar umgesetzt von Alex Fuchs (visual-bastarts.com) und mit der Unterstützung von ganz großartigen Leuten, wie man sie sich auch als Publikum auf einem Metal-Konzert wünscht. Die Wahrheit sieht da leider etwas trister aus. Und natürlich ist der eigentliche Star des Videos Internet-Sensation MC Fitti (www.facebook.com/mcfitti). Empfehlen Sie uns gerne weiter.

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Wann I nimma meng dad

Zum Siebzigsten vom Polt, gewidmet dem Norbert. Kein Gassenhauer, vielmehr ein Grantlhauer für Arbeitnehmer auf der ganzen Welt.

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Alle auf Schwarz

I’ve got a dying urge to feel the way you do
Too close for comfort, bed and breakfast in a spoon
The shortest breath of your young life
A long walk home on Friday night
You made one last stop at the store
(Alkaline Trio – Continental)

Mein Lebensgefühl war der Tod. Und das, obwohl er erst Jahre später gekommen ist. Erst Jahre später haben die Leute angefangen zu sterben. Erst Jahre später hat er Einzug gehalten und ist zu einer furchterregenden Normalität verkommen. Und trotzdem war alles voller Blut damals.

Schon morgens nach dem Aufstehen, du gehst in die Küche und alles ist voller Blutspritzer. Die Blutflecken im Bad, im Bett auf dem Spiegel. Alles trieft. Auf dem Weg zur Arbeit siehst du den Leuten schon die Angst vor dem Tag an, es ist Mitte Juni, sie schwitzen Blut. Im Büro – als es noch ein Büro gab – dann die Leute unter Aspirin, unter Ibuprofen, unter Thomapyrin, unter Paracetamol. Wir alle gedämpft, wir alle betäubt und gelähmt. Immer diese Musik, den ganzen Tag im Büro diese Musik. Immer ist irgendwo die Ewigkeit drin in dieser Musik. Man kann sich nicht auf die Arbeit konzentrieren, weil die Arbeit aus Musik besteht und Musik weh tut. Die Leute, die Kollegen, alle tragen so eine furchtbare Sinnlosigkeit in sich, eine Entleerung, eine einzige Aufhebung durchleiden sie und hinterlassen Blutspuren auf dem Boden der ehemaligen Näherei. Die Stunden bis zu den ersten Drinks ziehen sich wie der Sommernachmittag. Manche gehen nachmittags in den Englischen Garten auf ein Weißbier oder einen Joint, ich finde, der Nachmittag wird noch länger dadurch. Ich schreibe Mails, auf die ich niemals eine Antwort bekomme, ich plane Nächte, die niemals stattfinden werden. In anderen Ländern geht das Leben weiter, aber nicht hier.

Als sich das Tor der Näherei endlich in die Sommernacht öffnet, geht es wieder in die Auflösung hinaus, bis um vier Uhr morgens nur noch ein roter Fleck auf dem vom Vortag warmen Asphalt der Wilhelmstraße vor dem hässlichen Appartementbau übrig bleibt. Ouzo, Gin Tonic, Becks, Weißwein, Jägermeister und Augustiner. Emma, Alexandra, Alina, Rashana, Marina, Stefanie, Paulina, Christine und eine Ungarin, deren Namen ich vergessen habe, die bei McDonalds arbeitet. Es geht gar nicht immer was, meistens sogar nicht, aber Blut fließt immer. Soweit kommt es immer. Irgendwer verplappert sich immer und offenbart seine Todessehnsucht. Warum sind nur alle so verzweifelt, woher kommt das? Wir sind noch keine Dreißig und wollen schon alle weg. Schwarz ist die Isar in der Nacht und man denkt, sie reißt einem den Fuß ab, wenn man ihn hineinsteckt und es bleibt nur der Stumpf zurück. Je später es wird, desto höher werden die Stellen, die man aufsucht, desto erhabener der Blick auf die Stadt, desto verbindlicher der Pathos, desto unwirklicher der nächste Tag. Jeder sucht ein grandioses Finale für jede Nacht. Der Vorhang schließt sich und tosender Applaus spült einen in den Schlaf, bis man am nächsten Morgen aufwacht und überall die Blutspritzer vorfindet.

Mein Lebensgefühl war der Tod. Jetzt ist es die Notwendigkeit, sich zu erhalten und das gut zu tun. Draussen sterben die Leute über Dreißig aber nur die darunter denken ständig daran, auch wenn sie es nie so nennen.

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Kurzkritik zu Avengers

Was funktioniert: Dialoge, Humor, Mark Ruffalo, Gwyneth Paltrow.

Was nicht funktioniert: Plot, überlanges Finale, Hawkeye ohne Kostüm, der Vergleich mit The Dark Knight, einen solchen Film nach Elfmeterschießen Real Madrid vs. Bayern München anzuschauen

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fußball am stock

Ich kann jetzt schon sagen, dass das nicht so ausführlich und biografisch bereichernd wie beim Supermek wird, aber ich danke der Lisa für diesen Stock, weil das ist ja wie Interviews geben und ich gebe ja nichts lieber als Interviews. Und dann noch zum Thema Fußball.

1) Erzähl mal – welcher Verein und warum?
Der Opa war Fan, der Papa war Fan und somit hab ich das nie hinterfragt. Ich hatte schon Bayerntrikots und Autogrammkarten von Dremmler, Breitner, Rummenigge und Co, da wusste ich noch nicht was Abseits ist. Zudem gab es in der Grundschule eine erbitterte Rivalität zwischen uns Bayernfans und den HSV-Fans, das hat die Einstellung gleich aufs brutalste zementiert. Ich hatte wegen einer Schubserei mit dem Littich Sepp (einem HSV-Fan) mal zwei Tage eine Augenklappe.

2) Was ist deine verhassteste Schweinephrase?
Dieser beschissene Tote-Hosen-Song. Von Sell-Outs aus Schnöseldorf müssen wir uns gar nix sagen lassen.

3) Was war dein bisher unangenehmster „Feindkontakt”?
Da ich so gut wie nie ins Stadion gehe, da ich erstens in Berlin wohne und zweitens keine Menschen in Massierung leiden kann, hält sich der Kontakt in Grenzen. Einmal sind wir nach dem DFB-Pokal-Spiel Union gegen Freiburg von betrunkenen Unionfans angegangen worden, dass wir schwule Schweine sind. Aber das war irgendwie auch süß von den heißen Union-Boys.

4) Lustigste Fußballanekdote
So lustig ist die gar nicht, aber schön. Als Bayern im Champions-League-Viertelfinale 2009/2010 schon in der ersten Halbzeit 3:0 zurücklag, verließ ich wortlos das Public Viewing, setzte mich auf einen einzelnen Stuhl auf dem menschenleeren Arkonaplatz und trank dort mein Bier aus. Ich hatte Tränen in den Augen und wollte gerade auf mein Fahrrad steigen, als mein Kumpel T. mir eine SMS aus der Kneipe schickt: 3:1 Olic, jetzt ist wieder alles drin oder so ähnlich. Ich bin dann reingegangen, hab mir noch ein Bier geholt und mit dem 3:2 von Robben sind wir dann weitergekommen.

5) Was ist für dich die Faszination am Fußball?
Dass es nie aufhört, dass es immer da ist, wie das Radio. Das ist ein Stück Beständigkeit in dieser von Paradigmawechseln geplagten Erwachsenenwelt.

Wenn der sehr geschätzte Kollege MQ den Stock annehmen will, würde ich mich freuen, kann aber auch mit einem Korb gut leben.

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