Wind Wetter Sex Gewalt

Das kann ja nicht gutgehen, wenn es so lauwarm draussen ist im November. Das muss ja den Einen oder Anderen auf dumme Gedanken bringen. Diese fönartigen Luftstöße aus dem viel zu blauen Berliner Himmel in die viel zu warme Stadt hinunter, das wühlt die Leute so auf, das glaubt man nicht. Es fing ja im Prinzip schon gestern Nacht an.

Vor mir ging so ein Mann und ein anderer kam ihm entgegen. Der Entgegenkommende sah den vor mir Gehenden mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen an. Neugieriger Hund wie ich bin, habe ich überholt, um zu sehen, was es denn da so Entsetzliches zu sehen gab. Und ich hab mich wirklich sehr gewundert. Der Mann, der dem Entgegenkommenden entgegen kam, sah genauso aus wie sein Gegenüber. Kein Wunder, dass sich der Entgegenkommende zu Tode erschrocken hat. Da hab ich schon gewusst, dass etwas nicht stimmen kann.

Heute morgen dann in der Friedrichstraße eine Polizeikolonne ohne erkennbaren Grund. Danach das Wetter in Neukölln ein einziger lauwarmer Stoß aus Regen und Wind. Dann hab ich in der U-Bahn nach all den langen Jahren herausgefunden wie man gut ankommt bei den Frauen. Also denen in der U-Bahn zumindest. Weißes Hemd, schöner Mantel, graue Strähnen und das Wichtigste: Das Wetter vor 15 Jahren von Haas in der Taschenbuchausgabe lesen und dabei schauen, als könnte man kein Wässerchen trüben. Irrsinnsresonanz, glaubt man nicht. Aber erstens bin ich ja so zehnermäßig verheiratet, dass mir das auch nichts gebracht hat, ausserdem lags wohl nicht an mir, sondern an den Windstößen und der übernatürlichen Temperatur in der Stadt. Und natürlich an der Polizei.

Weiß doch jeder, dass man sexuell ganz anders stimuliert wird, wenn Gewalt in der Luft liegt. Zur Polizei komme ich gleich noch. Erst einmal hat die U-Bahn ganz lange angehalten und der Fahrer hat per Durchsage gefragt, ob ein Arzt in der U-Bahn ist, man benötige ganz dringend einen Arzt. Nach fünf Minuten ist die U-Bahn dann in die Haltestelle Rosenthalerplatz eingefahren und unten haben alle gedrängelt, um nach oben zu kommen. Oben warteten Hundertschaften von Polizisten und eine kaum zählbare Anzahl an Einsatzwägen. Das besetzte Haus in der Brunnenstraße. Das wirds sein. Hab ich mal zwei Wochen daneben gewohnt. Laut, die Leute da drin, meine Herren. Aber von mir aus können die da gerne wohnen, solange sie nicht so laut sind. Die vielen wartenden Polizisten scheinen mir aber auch ein wenig wirr von dem Wind zu sein. Viele schauen besorgt in den Himmel. Dort dröhnen und lauern die Polizeihubschrauber. Keiner weiß genau, was hier vor sich geht, die Polizei scheins auch nicht. Als würde gleich etwas in die Luft fliegen, so kommt einem das vor.

Gestern nacht stand ich an der Fußgängerampel und habe Musik aus Kopfhörern gehört. Draußen war der Verkehr einigermaßen laut und der Wind tobte um die Häuser. Die Ampel war rot. Ich hab die Augen zugemacht und trotz der Musik und des Winds gehört, wie die Leute auf der gegenüberliegenden Straßenseite losgegangen sind. Es war grün als ich die Augen wieder aufgemacht habe. Ich hab das alles so präzise wahrgenommen, dass ich mich gegruselt habe. Auch das hatte wohl was mit dem Wind zu tun, der die Geräusche so herüber geweht haben muss von der anderen Straßenseite. Auf jeden Fall wusste ich da schon, dass da etwas nicht stimmen kann. Jetzt sitz ich in der Wohnung und überall das Gebrüll von Sirenen und Helikoptern. Macht mich ganz scharf irgendwie.

9 comments / Add your comment below

  1. Danke für den Tipp mit den Frauen. (Ich dachte bislang, das funktioniert nur mit Dostojewski, aber auf den kann ich mich in der U-Bahn nur schlecht konzentrieren. Andererseits geht es gar nicht ums lesen. Das muss man auch erstmal kapieren.)

  2. Juribursch: Mensch, das ist mal ein Flickrset zum Tagesthema. Merci!

    mq: ich musste auch erst heiraten, ums zu kapieren. aber gut, jetzt bin ich nicht mehr in der position mich über verpasste gelegenheiten zu beklagen. damn!

    RS: doch. aber etzad.

  3. Denk mal, der ist schon wieder vorbei. Ab 17:30 gestern haben Bauarbeiter mit der Zertrümmerung der Einrichtung angefangen. Jetzt grade strahlender Sonnenschein. Das Wetter foppt mit allen Werkzeugen.

  4. Meteorologische Stürme können ja auch einen regelrechten Gefühlssturm auslösen. Gut wie ungut.
    Aber da hast scho recht, das Wetter ist für November höchst ungebührlich.
    Hier ist´s auch wild, das Wetter. Über den bergen Wolken, über der Ebene blauer Himmel, und überall Wind.

  5. Wir haben hier auch Wetter. Und wie! Und Polizei skurril zu Fuß auf der A29. Und Das Wetter vor 15 Jahren liegt auf dem Nachtkästchen (im Ernst); ich werd’s in den 315er Bus mitnehmen. Obwohl… ist ja eh wurscht . Bei dem Wetter.

  6. Michael: Bin gespannt, ob dir die Interviewform gefällt. Liest sich super weg und ist eine grandiose Idee, lässt aber immer so ein bisschen das Gefühl zurück, man hätte nur einen Trailer gesehen.

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