Brenners Bundesliga 2010/2011 (15)

Spieltag 15: Die Schale

Der Tag hatte so schön angefangen. Meine Schwiegermutter hatte mir Schokoladenfußbälle vom FC Bayern zum Nikolaus geschenkt und mit der Post kam ein weiteres Heimtrikot der Bayern für meine fortschreitende Sammlung. Und dann das Spiel gegen Schalke. Und es beunruhigt mich, wie präkognitiv ich in letzter Zeit bin. Frag mich drei Tage vor dem Spiel und ich lieg garantiert daneben, aber sobald ich die Trainer gehört habe und die Spieler aus der Kabine kommen, entwickle ich ein untrügliches Gefühl für den kommenden Spielverlauf. Zumindest bei Bayern-Spielen.

Vor dem Spiel hätte ich gesagt: Bayern dominiert, aber nur ein kleiner Fehler bedeutet das Gegentor und wenn das in der zweiten Hälfte passiert, gibt es eher das 2:0 als den Ausgleich. Quod erat gottverdammt demonstrandum. Ausgerechnet gegen Schalke, dem Verein mit Disziplinvorgaben wie bei der Roten Armee, aber einem Gemeinschaftsgeist wie Pete Doherty und Carl Barat. Magath, der entzauberte Houdini des deutschen Trainerwesens, hat sich über den Sieg wohl am meisten gewundert, denn was die Schalker bis zum 1:0 auf den Platz gebracht haben, war genau der Fußball, der in einer normalen Saison von einem Tabellenfünfzehnten zu erwarten gewesen wäre. Dann macht ausgerechnet der Luftikus Jurado das Tor und ab dann hören die Ausreden für das Spiel der Bayern auch auf.

Denn mit dem Tor brach das über die letzten paar Wochen mühsam zusammengeschusterte Selbstbewusstsein der Münchner mit einem Schlag zusammen. Es war wie am Anfang der Saison: Die totale Balldominanz, der Abwehrfehler, das Gegentor und die große allgemeine Verunsicherung – das Spiel ist gelaufen. Aber das ist nicht die „Seuche“, wie Christian Nerlinger das etwas unsouverän beim Sport1-Stammtisch bezeichnete, das ist eben das Ergebnis, wenn die Mannschaft einfach nicht in Form kommt, weder indivduell, noch gemeinschaftlich. Ich bin nachwievor der Meinung, dass Fehler in der Transferperiode begangen wurden, beziehungweise der Fehler in der Abwesenheit einer solchen liegt, aber die Hauptprobleme sind die gravierenden Formschwankungen- oder Schwächen bei Leistungsträgern der letzten Saison. Als da wären:

Van Bommel: Von Agressive Leader zu Agressive bieder. Der Mann schlägt einen vernünftigen Pass pro Spiel und das wars dann. Ansonsten spielt er Fußball aus dem letzten Jahrzehnt und übernimmt nur halb so viel Verantwortung wie beispielsweise Tymoschuk und der ist nicht Kapitän, sondern grade erst zurück aus der Versenkung. Franz Beckenbauer hat nach dem Schalkespiel absolut zurecht angemahnt, dass beim entscheidenden Fehler von Breno keinerlei Hilfe vom anrückenden Mittelfeld kam und es war Van Bommel, der locker noch vor Raul an den Ball gekommen wäre, hätte er sich das Ganze nicht im bequemen Trabschritt von der Mittellinie aus angeschaut.

Müller: Toller Spieler, das hat er bei der WM und in der Meistersaison bewiesen, aber seine konfuse Spielweise scheint ihn selbst zu verwirren derzeit. Vielleicht sollte man ihm eine feste Position zuweisen, damit er sich wieder finden kann. Als Allrounder bist du leider der Depp, wenn auf den Positionen rotiert wird. Davon kann auch Tymoschuk ein Lied singen.

Lahm: Ein Schatten seiner Selbst. Mit Aufwärtstendenz, aber längst noch nicht im Spiel nach vorne präsent.

Ribery: Von einer Reha zur nächsten, das kann so nix werden.

Kroos: Kommt auch langsam in die Gänge, aber eben nur langsam. Zeigte sich nach einer großen Saison bei Leverkusen anfangs zu unflexibel und zu wenig selbstbewusst. Auch er hat aber die Allrounder-Arschkarte.

Van Buyten und Demichelis: Keiner weiß, warum sie plötzlich nach dem Zenith ihres Schaffens gleichzeitig in die Untiefen der ewigen Abwehrfehlerhölle gestürzt sind. Der Teufel steckt vermutlich im biografischen Detail und wir werden es nie erfahren. Vielleicht sind sie jetzt auch privat ein Paar und haben andere Dinge als Fußball im Kopf.

Contento: Viel zu hoch gelobt, viel zu schnell befördert und für einen modernen linken Verteidiger noch viel zu unsicher und unkreativ.

Klose, Robben und Olic: Viel zu verletzt.

Braafheid: Krasser Fehlkauf.

Natürlich gab es auch welche, die ihre Form halten bzw. steigern konnten. Genannt seien: Schweinsteiger, Gomez, Butt, Tymoschuk, Pranjic. Am Ende bleibt trotzdem die Frage, wie ich diese stattliche Anzahl von Formausfällen in den Griff bekomme. Der Trainer scheint diese Frage längst nicht mehr beantworten zu können. Van Gaal wirkt vor jedem Spiel skeptisch und nach dem Spiel bestürzt über das Unvermögen seiner Spieler. Ich bleibe bei meiner Meinung der letzten Wochen: der Trainer ist für den Erfolg einer Mannschaft mindestens zur Hälfte zuständig und wenn ein FC Bayern in der Saison 2010/11 ernsthaft um die Champions-League-Qualifikation zittern muss, dann kann der Trainer gerne zur Debatte stehen.

Kurz zum Rest des Spieltags: Hannover zeigt erneut eine geradezu mysteriöse Klasse, ähnlich wie Freiburg. Bremen und Wolfsburg können sich nicht einigen, wer sich selbst am dollsten mit seinen Saisonzielen verschätzt hat, Frankfurt versaut Mainz die letzte Hoffnung auf die Meisterschaft und der HSV dürfte sich bald Trainer Nummer 8 in acht laufenden Saisonen suchen. Köln, Stuttgart und Gladbach sind abgestiegen. Dortmund ist absolut verdient Meister geworden, herzlichen Glückwunsch.

8 comments / Add your comment below

  1. Ich war in Wolfsburg. Arnautovic ist eine Flasche. Wolfsburg ist tot und McClaren bald wieder weg.
    Köln hat in den letzten drei Spielen vernünftigen Fussball gespielt, droht aber das zweite Gladbach zu werden.
    Armin Veh könnte der Flaschenvater von Arnautovic sein. Vielleicht wird es mit dem 8. Trainer ja besser. Mit Veh wird es nix – und das gönn ich dem.

  2. Arnautovic geht mir auch extrem auf den Sack. Dass Bremen mal einbricht, ist zwar sehr schade, aber sowas passiert halt irgendwann mal, grade wenn durch die Verletzungen keine Stabilität in die Aufstellung kommt. Warum Wolfsburg so niedergeht, weiß wohl auch nur der Trainer. Das war keine gute Lösung mit McLaren, da hab ich aber auch schon beim ersten Spiel gegen Bayern gesagt. Mitleser Juri ist mein Zeuge. Köln war eigentlich mein Wunschabstiegskandidat, aber wie der Polder und die Jungs fighten und jetzt wo Meier weg ist, hab ich schon wieder eine gewisse Sympathie.

    Und Veh kann niemals der Vater von Arnautovic sein. Der eine Bayer, der andere Ösi;)

  3. Harte Zeiten für einen Bayern-Fan…

    Ich kann die aktuelle ZEIT empfehlen, da ist ein interessanter Artikel über Felix Magath zu lesen…
    „Das Mundloch“, rief Magath, „kannten Sie das?“
    Nein, nur das Wort Arschloch.
    „Arschlöcher“, antwortete Magath, „kenne ich einige.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.