La tristesse de Wittenau

Weil wir eine faule Familie sind, fahren wir am Wochenende selten ins Grüne, ans Wasser oder sogar nach Brandenburg, sondern gehen entweder Kaffeetrinken oder geistern durch Stadtteile, die wir nicht kennen. Die sogar meine Frau als geborene Berlinerin nicht kennt und da gibt es einige (die meisten). Am letzten Wochenende sind wir zum Toys R Us nach Wittenau gefahren, weil uns eben nach Toys R Us war. Jetzt mag es auch daran gelegen haben, dass dem Himmel sein grauer Arsch fast bis zum Boden herunter gehangen ist, oder an dem schneidenden Ostwind, der einem jegliche Frühlingsgefühle mit der Stahlbürste ausgetrieben hat, aber das war der deprimierendste Ausflug, den ich seit langem in Berlin gemacht habe. Das Häuserbild da draußen in der Miraustraße gleicht einer von der Neuzeit vergessenen Trabantenstadt und der riesige Toys R Us ist im Prinzip die liebloseste Lagerhalle für Spielzeug, die man sich vorstellen kann. Noch nicht einmal unser Bub hatte Lust, dort durch die Reihen zu laufen. Und dann die Leute. Westasoziale, ganz klar, aber mit einer Basisaggression- oder wahlweise Depression, dass man sich am liebsten hinter den Dinosaurier-Regalen versteckt hätte, um nicht unangenehm durch seine Lebensbejahung aufzufallen. Dit is ooch Berlin, liebe Gentrifizierungsdebattierer, und sogar mehr als man denkt. Zu allem Überfluss waren wir im Anschluss dann auch noch bei Burger King, um uns so richtig tief ins Milieu einzufühlen. Und das Schlimmste war: wir haben keinen einzigen Ausländer gesehen, auf den man die schlechte Stimmung hätte schieben können.

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  1. Solcherlei Ausflüge schärfen dann wieder den eigenen Blick für die scheinbar kleinen Dinge, die schon zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Und jetzt muss ich erstmal beim Wiki Peter nachschauen was gentrifizieren bedeutet, zefix!

  2. Note to self: gucken, wo zum Teufel eigentlich Wittenau liegt. Stimme ansonsten meinem Vorredner zu: Solche gelegentlichen Ausflüge können durchaus das mentale Immunsystem stärken, aber wie schon Paracelsus sagte: Die Dosis macht das Gift.

    Ich hab mich vor vielen Jahren, als ich mal in Düsseldorf zeitarbeitete, ab und zu abends ins Auto gesetzt, um ziellos rumzufahren. Da habe ich in dieser angeblich so schicken Stadt Ecken gefunden, in denen ich dachte, ich wär in einem Vorort von Bukarest oder Tirana gelandet. Leider hatte ich keinen Foto dabei, um das zu dokumentieren, denn heute ist in der fraglichen Ecke, die ich nur mit viel Mühe wiedergefunden habe, ein schicker Autohaus-Glaspalast neben dem anderen.

  3. mq: Mit Dönerbuden.

    stt: Selig waren die Zeiten, als ich noch nicht wusste, was das ist.

    mark793: Solche Gegenden kennzeichnen sich sowieso durch Autohändler und die Parkplätze mit den breiten Lamettastreifen, die einen Gebrauchtwagenumschlagsplatz kennzeichnen.

  4. Du meinst sicher die Sorte Autohändler, deren erlesenere Vertreter ihren Geschäften in ehemaligen Tankstellen und auf Trümmergrundstücken nachgehen. Ja, gabs da früher, aber jetzt ist die Ecke wirklich total gentrifiziert zu einem veritablen (Achtung: Kotzwort!) Branchen-Cluster, das sich hochtrabend „Automeile Höherweg“ nennt. Und ich stelle verwundert fest, schade drum. Solche neuen Gewerbegebiete gibts ja wie Sand am Meer – aber die Favela vorher, die war schon ganz was spezielles.

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