Das falsche Tagebuch: 5. November 2015

Ich weiß. Manche halten mich für überheblich. Manche sagen, ich kann eigentlich gar nicht so viel wie ich immer tue und manche behaupten, ich und meine Arbeit sind vollkommen irrelevant. Und alle von den Manchen haben Recht. Ich fühle mich schon immer als wandelnder Trial und Error. Ich mach ein paar Sachen richtig, aber dann auch wieder so viel Naives und unnötig Selbstgefälliges, bin oft viel zu eitel und an manchen Stellen auch wieder unnötig demütig.

Kurz: Ich hab’s echt oft nicht drauf. Nicht nur beruflich, sondern auch privat vergreife ich mich oft im Ton, bin zu schmierig freundlich oder zu ruppig belehrerisch, melde mich zu oft oder zu wenig bei Leuten, rede zu viel oder zu wenig. Am Ende ergibt das und ergebe ich ein herzhaftes Mittelmaß, das sich auch in meinem Twitterfollowern, Buchverkäufen und Facebookfreunden widerspiegelt. And you know what…ich bin zufrieden mit meinem Mittelmaß. Nicht, dass ich nicht offen und ehrgeizig genug für größere Sprünge wäre, aber wenn ich mich so anschaue und das was ich so mache und man mich vor allem machen lässt, denke ich: das hätte auch alles schlimmer kommen können.

Natürlich liegt das Ertragen meiner Selbst auch an meiner Familie, die mir vielleicht nicht immer ganz gerechtfertigterweise das Gefühl gibt, okay zu sein. Zum anderen liegt’s aber auch an der Tatsache, dass mir mit zunehmenden Alter die Vanitas in die Knochen fährt und ich die Zeit, die ich noch so rumhänge am besten im Einklang mit mir selbst verbringen möchte. Viele Menschen aus der Medienbranche, aber auch Juristen, Handwerker und Sportwissenschaftler geben sich wahnsinnig viel Mühe, zu verbergen, tarnen und verheimlichen wie unvollständig sie sind. Das sind Anstrengungen, denen möchte ich mich mit 41 nicht mehr aussetzen.

Und neulich durch den Bürgerpark in Pankow gewandert. Und Blätter und Ziegen gesehen. Die Demos vom neuen Gebruder-Album durchgehört. Im Bistro am Bürgerpark eine rassige Bolognese vom Tunesier für unverschämt wenig Geld gegessen. Und gedacht, dass ich ein besseres Leben eh nicht hätte zustande bringen können in der kurzen Zeit, seit ich nicht mehr dauernd über mich nachdenke.

10 comments / Add your comment below

  1. Das Attribut Mittelmaß ist nicht zutreffend. Und das weißt du. Im übrigen lese ich „Das falsche Tagebuch“ sehr gern.

  2. MQ, doch, an meinen Ansprüchen gemessen, trifft’s Mittelmaß. Aber das ist ja die Kunst, die eigenen Ansprüche hoch setzen und dann aber nicht gleich beleidigt sein, wenn man notorisch drunter bleibt. Und weißt du was, für Leute wie dich (und mich) schreib ich das auch hier.

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