Jürgen

Es macht Spaß, die kurvenreichen Straßen des Berglands an der östlicheren Südküste Kretas zu befahren. Links neben uns liegt ein ausladendes und für Kreta ungewöhnlich grünes Tal und rechts türmen sich die Berge des Umlands von Pirgos, schroff, aber hochsommerlich gelassen. Ich singe Del Amitris „Always The Last To Know“ vor mich hin, einen belanglosen Poprocksong aus den Neunzigern. Entschlackt man die Musik von Produktion und Pathos und lässt nur Text und Melodie über, erhält man ein trauriges kleines Lied über eine entwischte Liebe und eine schwindende Informationspolitik.

We spent summers up beyond the bay
And you said these are such perfect days
That if the bomb drops baby, I want to be the last to know
But now youre living up behind the hill
And though we share the same city and feel the same sun
When your winter comes
Ill be the last to know

An dieser Textstelle bin ich angelangt, als ich aus dem Augenwinkel zu meiner Linken am Rande dieses grünen Tals ein Schild mit der Aufschrift „Safari Park“ wahrnehme. Ich fahre daran vorbei, aber im Rückspiegel sehe oder besser erahne ich einen verfallenen Vergnügungspark und einen hochragenden, ausgetrocknetem Springbrunnen, der selbst aus der Entfernung morbide in seinem Abglanz florierenderer Zeiten wirkt. Ich sage zu Tim: „Achtung, ich wende.“ und er fragt mich wieso und ich sage: „Du wirst Augen machen.“ Und ich spreche es eher als Floskel, denn als ernst gemeinten Appetitmacher auf den Safari Park aus, weil ich glaube nicht, dass der sanfte Tim meine Vorliebe für Verfall und das Leben danach uneingeschränkt teilen wird. Read More

Hasch mich, ich bin dein Urlaub!

Liebe Leser,

gesetzt den Fall, Euer St. Burnster würde im Juli gerne in Urlaub fahren/fliegen und wäre einem günstigen Pauschalurlaub nicht abgeneigt, wo würdet Ihr ihn hinschicken, wenn Ihr nichts Böses mit ihm im Schilde führtet?

Ich bereise ja gerne Griechenland und da hat sich Rhodos in Punkto Preis und Leistung zumindest im Internet bisher anständig verhalten. Gleichzeitig schwärmen mir ja meine Erzeuger gerne von Mallorca abseits der Bierschädel vor. Zudem sagt man, dass auch Ägypten seinen Reiz habe und Kroatien das neue Venezien sei.

Das Meer sollte auf jeden Fall in dem Urlaub vorkommen, genauso wie ein Hotel mit Pool, ein paar Bars und ein paar Mädchen unter 65. Nur so zum Hallo sagen, versteht sich.

Jetzt seid Ihr dran, liebe Leser. Zeigt Euch endlich mal erkenntlich dafür, dass ich euch seit über einem Jahr so bärig und reisserisch unterhalte.

Ich zähle auf Euch. Hochachtungsvoll,

Euer St. Burnster

PS: Wo bucht man überhaupt? Bei Expedia? Bei Wikipedia? Pauschalreisenjungfrau bin ich.

Und hinter uns feurige Abendsonne

It was a foggy day in London, and the fog was heavy and dark. Animate London, with smarting eyes and irritated lungs, was blinking, wheezing, and choking; inanimate London was a sooty spectre, divided in purpose between being visible and invisible, and so being wholly neither. (Charles Dickens)

Victoria Station, Donnerstag Mitternacht. Der Mond steht doppelt am Firmament und das litauische Suicide Blonde mit einem höllischen Ausschnitt nimmt mich mit nach West Kensington. Dort herrscht todschicke Friedhofstille zwischen den Häusern mit den Vorgärten. Fünf litauische Blondinen und ein Mann auf zwei Miniappartements verteilt, sieht auf dem Papier nicht schlecht aus. In Echt kann einem schlecht werden bei der Überdosis Rosa und Parfüm. Ieva ist liebenswert und wirkt ein bisschen verloren neben den Profilneurosen ihrer Mitbewohnerin Yolanda, die mit Arsenals Aliaksandr Hleb (Ex-VfB Stuttgart) ausgeht. Der Rotwein betäubt meine überreizten Sinne und ich schlafe auf einer Couch, die nur die Hälfte meiner Körperlänge abdeckt.

Am nächsten Morgen beginne ich meinen Todesmarsch durch London im vor lauter Grün ächzenden Holland Park, erkunde das schneeweiße Notting Hill und setze per Tube über in die Oxford Street, wo ich dem Sitz meines ehemaligen Arbeitgebers einen Kurzbesuch abstatte und einer Exkollegin einen dreifachen Cappucino abtrotze. Bei Hamley’s kaufe ich nichts, weil ich mich nicht zwischen einem WWE Championship Belt Imitat, einer Batman Figur und meinem sechsten Wolverine entscheiden kann. Dann nach Süden zum Leiceister Square und Covent Garden und endlich runter an die Themse. Bis zur Tower Bridge und dann nach Whitechapel und Shoreditch und auf der Brick Lane durch ihre Augen zwei Jahre in die Vergangenheit blicken und meinen Frieden finden, während Sufjan Stevens die Losung „All Things Go“ in meinem Ohr ausgibt.

Abends hole ich Miss Litauen von ihrem Arbeitsplatz Toni & Guy bei der St. Pauls Cathedral ab und wir sitzen auf der Brick Lane in einer Art Biergarten. Das Lager schmeckt, die Marlboro verbotenerweise auch und der 24/7 Bagelshop ersetzt das Barbecue, bei dem mir entschieden zu viele Blokes & Birds anstehen. Später in einem Hybriden aus Bar und Club, der die Sekunden bis zur Last Order digital herunterzählt nochmal ein paar Orders begangen. Dann lässt mich der Club der verrückten Litauerinnen am Boden schlafen und ich begieße die freudige Nachricht mit Rotwein und falle vor lauter Erschöpfung in einen Schlaf, der einer Ohnmacht gleicht. Acht Stunden bin ich heute zu Fuß unterwegs gewesen.

Am nächsten Morgen, High Heels, Lippenstift und ich. Sobald die CEOs der litauischen Plüsch Tyrannei das Gebäude verlassen haben, mache ich mich aus dem Staub und flüchte in die Vorstadt. In Ladywell verbringe ich meine Zeit in einem Star-Wars-affinen Haushalt mit einem Hund namens Jerk und einer gastfreundlichen Komödiantin. Nach einem Spaziergang durch einen Park, der an einen stillgelegten Hunderennplatz grenzt, brechen wir in die Stadt auf, um uns in einer schwedischen Knoblauch Bar mit Tapas der ausdünstenden Art zu vergiften. Das „Garlic & Shots“ heißt nicht zuletzt auch wegen seiner reichhaltigen Auswahl an skurrilen Kurzen so und nach einem Black Melon und genug Knoblauch für ein Altherren Fußballteam mit zu hohem Blutzucker, suchen wir das grandiose Sheperds Bush Empire auf, um uns gutgelaunte, aber weniger grandiose The Rakes einzuverleiben. Auf der Aftershow Party trinke ich Unmengen von Spritzers (Weißweinschorlen) und plaudere ein paar Worte mit Naughty James, der mir stolz von seiner neuen Freundin Akiko und ihrer Band Comanechi erzählt. Craig, wie er wirklich heißt, ist noch ein Kind und verhältnismäßig nüchtern an dem Abend. Seine Hand ist klebrig von Jägermeister, aber er gibt sie mir trotzdem. Angesichts unseres zufälligen Treffens attestiert er dieser Welt fast sprachlos eine Überschaubarkeit, die ihn ängstigt. Er ist noch ein halbes Kind mit seiner engen schwarzen Röhrenjeans und seinem viel zu weiten Kapuzensweater, auf dem in Rosa New York geschrieben steht. Die Komödiantin und ich gehen. Ein Taxi auf Kosten meines ehemaligen Arbeitgebers fährt uns durch den nächtigenden königlichen Koloss zurück in die Vorstadt. Besoffen hängen wir auf der Couch und schauen die gesamte zweite Staffel von „The Office“.

Den nächsten Tag verbringe ich zur Hälfte vorm Fernseher (u.a. Office X-Mas Special), bevor ich wieder in die Stadt zurückgehe, nicht ohne eine 20 Pfundnote vom Overground-Ticket-Automaten einsaugen zu lassen. Im gottverlassenen Bank District bin ich der Einzige, der sich herumtreibt. Eine einzige Menschenseele in einer leeren Millionenstadt. Wie heimelig unheimlich ist es hier. Erst der Leicester Square nimmt mich wieder im Kreis der Existierenden auf und ich kehre bald zurück in die Arme der Vorstadt Ladywell, wo schon eine mit „Star Wars Lego“ präparierte Playstation auf mich wartet. Ich gehe früh zu Bett und träume von meiner großen London Liebe. Als ich erwache, sage ich leise zu ihr: „Ciao, ich muss jetzt nach Berlin zurück“ und nehme ein Taxi zur Victoria Station. Der Fahrer und ich philosophieren über José Mário Santos Mourinho und bald sitze ich im Bus nach Luton und bald im zwei Stunden verspäteten Flugzeug nach Berlin und hier bin ich wieder, getroffen von einer Magie wie ich sie nach all den Jahren London Absenz zwar erhofft, aber nicht mehr erwartet hätte.

Soundtrack:
Sufjan Stevens – Chicago
Ben Lee – We’re All In This Together
Kanye West – Crack Music
Olli Schulz und der Hund Marie – Goodbye My Spooky Girlfriend
Jenny Wilson – Let My Shoes Lead Me Forward
Savoy Grande – Reason To Leave
Bloc Party – Plans
Sufjan Stevens – That Dress Looks Nice On You

IB 6832

Warum buche ich nur bei Iberia? Hinterher frage ich mich das jedes verfluchte Mal und mir fällt kein triftiger Grund ein. Dieser Bericht soll mir selbst als endgültige Warnung vor der nächsten Buchung dienen. Die Meister der Ansammlung von Midflight-Kalamitäten und Organisationsunpässlichkeiten haben letzten Donnerstag mal wieder ihr gräßliches Haupt erhoben, als euer Chef seine Heimreise von Santiago de Chile nach Madrid antrat.
Es fing schon am Flughafen an, indem man mir einen Platz zuwies, den ich nicht haben wollte. Ich war zwei Stunden vorher am Flughafen. Wann muss ich da sein, damit ich mir einen Fensterplatz aussuchen kann? Zwei Tage vorher? Checken die Chilenen alle per Handy beim Abendessen am Vorabend ein?

Ah, Gilberto dame una otra cerveza y mi movil. Ah, no esto, esto.
Uh, tengo que hacer una reservacion por mi vuela a Madrid.
Sipo, sipo.

Den Ärger wegen meinen Turnschuhen und der Mischpoke am Zoll erspare ich dieser Erzählung, denn es kommt viel dicker. Ich besteige also den museumsreifen Langstreckenbomber und quetsche mich in meinem Minimalsitz, natürlich nicht am Fenster, sondern am Gang, wo man mir den Servierwagen in der Folge circa 45-mal gegen das Knie fahren wird. Das Grauen nimmt seinen Lauf und neben mir ein fortan pfeifender und unerträglich gutgelaunter Belgischer Biologe Platz. Ich nenne ihn den Pfeifer. Hinter mir quartieren sich zwei Russen ein, die in den folgenden dreizehn Stunden nicht einmal ihr Maul halten werden, sondern insistent den scheinbar gleichen Witz im zwei Minuten Intervall rotieren lassen, gefolgt von ohrenbetäubendem Gelächter. Ich nenne sie die Russen.
Vor mir quetscht sich ein unsympathischer und kahlköpfiger Spanier mit seiner knochigen Ehefrau in die Sitze. Ich nenne ihn den Rüden. Aber zu dem komme ich gleich noch.

Die Stewardsituation gleicht einem Bild aus dem zweiten Carlistenkrieg. Ich, der beim dritten Durchlesen der Mötley Crüe Biografie langbeinige, blonde Stewardessen mit Bereitschaft zum spontanen Kundenverkehr im Kopf hat, muss auf ein ästhetisches Schlachtfeld blicken. In meiner Reihe bedienen zwei fette Mittfünfziger mit wenig Haaren, aber mit viel Haarwachs drin. Beide sehen aus wie J.R., der großindustrielle Onkel meines Vaters. Ich nenne sie die Sleazy Stewards. In der anderen Reihe bedienen zwei Frauen, ebenfalls um die fünfzig, aber offenbar weniger mürrisch.

Als das fliegende Gefängnis dann endlich abhebt, ist meine Laune schon längst am Boden. In den ersten zwei Stunden läuft “Walk The Line” und Reese Witherspoons Gejodel lässt mich das Gejohle der Russen und das Gepfeife des Belgiers noch einigermaßen aushalten. Doch das Verhängnis beginnt, als der rüde Spanier vor mir seinen Stuhl zurücklässt. Das ist ja immer eine sehr prekäre Situation auf Flügen, die meinen Namen auf der Passagierliste stehen haben. Beim Zurücklassen der Lehne im Sitz vor mir verstehe ich nämlich das genaue Gegenteil von Spaß. Zunächst bitte ich den Rüden, der mir gerade mit dem zurückschnalzenden Sessel mein Buch aus der Hand und meine Mütze vom Kopf geschlagen hat, höflich aber bestimmt, seinen Zug zurück zu nehmen. Er scheint zunächst einzuwilligen, aber als ich eine halbe Stunde später in einem unachtsamen Moment mein Knie von seiner Lehne nehme, schlägt er geradezu hinterrücks zu und wirft sich mit seiner gesamten Leibesfülle gegen den Stuhl. Und plötzlich ist mein ohnehin sehr geringer Lebensraum auf dem Iberia Flug 6832 um die Hälfte dezimiert.

Und hier kommt (ich nenn ihn) der Jähzornige ins Spiel, also ich. Erstmal gibt es die Handkante gegen den Stuhl des Rüden. Dann eine giftige und lautstarke Moralpredigt auf Spanisch. Mindestens zwei Minuten lang. Keine Ahnung, was ich ihm erzählt habe. Weder mein Vokabular, noch meine Grammatik reichen für länger als zwanzig Sekunden. Dann fliegen mein Buch und meine Kopfhörer unter vulgären (deutschen) Flüchen auf den Flugzeugboden und zum Abschluss nochmal das Knie in den Rücken des Rüden. Hilft leider alles nichts. Der Gegner beibt hartnäckig und gibt vor zu schlafen, auch wenn ich ihm ständig in den Rücken trete und ihm auf die Glatze blase.

Hinter mir erzählen sich die Russen wieder diesen einen Witz und um mich herum stapfen die Leute wie Zombies im Kreis durch den Flieger, um sich keine Sitzwunden zu holen. Die Sleazy Stewards mähen mit dem Servierwagen durch die Reihen und sind mürrisch zu den meisten, mich ignorieren sie völlig. Vermutlich hat der Rüde sich beim letzten Rotwein längst über mich beschwert. Als ich beim Verteilen der Zusatzbrötchen vom Allersleazigsten der Sleazy Stewards einfach übersehen werde, sage ich ihm leise “Du Arschloch” hinterher. Durchaus guter Dinge, dass der Spanier dieses deutsche Schimpfwortgut nicht in seinem aktiven Wortschatz beherbergt. Als er das nächste Mal mit dem Servierwagen gegen meinen Fuß fährt sagt er auf spanisch:
“Brauchst fei net glaum, dass ich des net verstanden hab, Freundchen.”

Aber was solls, unfreundlicher kann der Service ja nicht mehr werden. Während also die Russen weiterbellen und der Pfeifer pfeifend an seinen Forschungsmemoiren feilt, der Rüde sich weiter im Schlaf gegen den Stuhl wirft und der Rest der Freaks hier durch die Boing stapft, beschließe ich noch etwas mit diesem angebrochen Abend anzufangen.
Ich experimentiere ein bisschen blauäugig mit Paracetamol und ein paar rezeptfreien Schlaftabletten herum, bis ich irgendwann anfange, leicht zu halluzinieren und mit einem breiten Grinsen vor mich hin dämmere und mir denke: “Machts gut ihr Idioten.”

Doch das auf die eigene Schulterklopfen wegen dem gelungenen Highsein findet ein jähes Ende, als ich bemerke, dass sich aus dem Downergemisch ein handfester Upper entwickelt hat und sich ein unwillkommenes Zucken im rechten Bein etabliert. Gemeinsam mit einem panischen Anflug von Platzangst. Plötzlich erscheint mir mein Sitzplatz wie ein Stehplatz und das Gejohle der Russen schwillt zu einem Brüllen an. Wir befinden uns in Flugstunde fünf und die Paranoia hat gerade erst begonnen. Um den misslungenen Medikamententrip wieder zu verlassen, trinke ich Wasser wie ein Blöder, wozu ich jedes Mal zu dem beleidigten Sleazemeister rennen muss, um fünf Minuten später gleich nochmal an ihm vorbei aufs Klo zu hetzen. Weil ich rabenbreit bin, fällt mir auch noch meine Lesebrille in die Kloschüssel und ich kann sie im letzten Moment herausfingern bevor der Sog des ewigen Vergessens sie und meine Hand in die kalte Luft über Lima befördert.

Wenn Sie, verehrter Leser, jetzt auf ein erlösendes Moment oder einen Klimax warten, muss ich sie leider enttäuschen. Ich blieb high bis kurz vor Madrid und der Horrortrip endete am Zoll, als ich den Rüden mit “Verpiss dich, du Fucker” verabschiedete, ich mir aber diesmal sicher war, dass er kein Deutsch verstand. Notiz an mich selbst: Das war das letzte Mal, dass du bei Iberia gebucht hast.

Das Ende in Santiago De Chile

Du kannst dich nicht vollkommen umkrempeln, denkt er, waehrend er in der immer noch aggressiven chilenischen Herbstsonne sitzt und auf seinen Cortado wartet. Da kannst du reisen, wie du willst.

Du ziehst den Exzess nicht an, dir wirft man keine Karriere hinterher und dein Verhältnis zu Frauen wird ein Leben lang ein problematisches bleiben. Du wirst auch weiterhin Angst vor dem Unbekannten empfinden und das Gefühl haben, kein Teil eines Alltags zu sein. Keine Reise der Welt kann dich auf die Unpässlichkeiten vorbereiten, die noch vor dir liegen. Du hast auch in den letzten Wochen am Ende der Welt nicht aufgehört, an sie zu denken und du wirst auch nicht in Berlin damit aufhören. Die Haare werden dir ausgehen und du wirst bald einen Bierbauch mit dir herumschleppen, wenn du so weiter säufst, da kannst du soviel reisen wie du willst. Deine Gesundheit wird nicht besser mit den Jahren und als juveniler, dekadenter Musiker gehst du doch jetzt schon nicht mehr durch. Den Alkohol wirst du nicht los, indem du ihn verharmlost und die Zigaretten hören nicht von selbst auf zu schmecken. Romane schreiben sich auch ab nächster Woche nicht von selbst und deine Jobs verhelfen dir nur dann zu Reichtum, wenn du das ganz dringlich willst so wie die Generation Dringlich, zu der du nicht gehörst. Dein schwarzes Blut tauschst du nicht aus wie Songs auf deinem iPod und deine Zukunft bleibt genauso verschleiert wie noch vor 6 Wochen. Du kannst dich nicht vollkommen umkrempeln, denkt er und raucht eine Zigarette, während er auf seinen Cortado wartet. Da kannst du reisen wie du willst.

Aber du kannst Pläne machen, denkt er. Du kannst zusehen, wie du Tag für Tag ein Stück deiner Angst verlierst, du kannst weiter reisen du kannst weiter experimentieren. Du kannst weiter gehen, als du es bisher getan hast. Du kannst dich ein bisschen verändern und du kannst fast alles um dich herum verändern. Du kannst dir dein eigenes Berlin basteln, du kannst nach Buenos Aires oder London ziehen, du kannst nach München zurück. Du kannst noch hundert Platten aufnehmen und irgendwann doch ein Buch veröffentlichen, du kannst Fremdsprachen sprechen. Du kannst eine Frau finden, die ein Feuerwerk für dich ist, du kannst eine Weile mit ihr zusammen sein und vielleicht hast du Kinder, denen du von Drogen, Alkohol und einer Musikerexistenz abraten koenntest, es aber wahrscheinlich nicht tust. Du kannst noch so weit reisen und so viel erzählen. Du kannst die Leute unterhalten und die Leute werden dich unterhalten, du kannst in Unruhen geraten und dabei die Oberhand behalten, du kannst jeden Tag ein bisschen mehr das sein, was du dir vorstellst. Und du kannst Freunde haben. Du kannst dich nicht vollkommen umkrempeln, aber du kannst dich verdammt nochmal dein ganzes Leben verbessern und sogar gelegentlich Spass dabei haben, denkt er. Dabei kannst du soviel reisen wie du willst.

Und die gläsernen Hochhaeuser der Stadt blitzen ihn wie zur Bestätigung an, während er seinen Cortado serviert bekommt und nochmals die letzten vier Wochen Revue passieren lässt.

Buenos Aires

Es qualmt in Buenos Aires. Den ganzen Tag und in der Nacht schleicht sich der Rauch meiner Zigarette hinaus in die offene Dunkelheit durch das Fenster des Taxis, das mit der Geschmeidigkeit des Batmobils durch die posttraumatisierten überbordend breiten Strassen dieses Koloss rast.

Wenn Deutsche reisen, wird gehadert, gejammert und jeder Peso doppelt umgedreht. In einem Land wie Argentinien noch die Taxipreise durch Dividieren in Euro umzurechnen ist fast ein Affront gegenueber der fremden Volksseele. Sparfuchs, du hast die Ganzlockerbleiben-Attitüde gestohlen.

Ach, der Wein, der ist gut. Da muss man sich ueberhaupt keine Sorgen machen. Das Fleisch ist gar manches Mal zäh, wie mein Kollege Fons Tensfelder einst so treffend zu berichten wusste und die Maedchen, die sind elegant ohne so erzogen zu sein. Geschmack ist hier nicht der Oberschicht vorbehalten. Aber genaueres kann man nicht sagen, wenn man wie ich seine Zeit mehr oder minder freiwillig mit Gesindel aus Litauen, England, Deutschland, Schweden und Spanien verbringt.

Und das hat noch gefehlt. Nach zehn Jahren meine Rueckkehr ins Jugendherbergsgeschäft. Schlafsaal und Gemeinschaftsraum. Und ich hatte diese beiden Woerter aus meinem Vokabelheft so heftig ausradiert, dass auch noch die Seite darunter mit Gemeinschaftsdusche zerissen ist. Fucking Hostel Hell.

Heute am Flussufer gesessen, das er in der Regel ja nicht gerne pflegt, der Südländer an sich. Die Füsse in der Sonne, den Kopf in einem Daiquiri und dabei gedacht: „Ach, scheiss auf den Tango.“ So viel, so schnell, so schlampig spanisch in der Vornacht geredet, dass die anderen dachten, ich spräche es wirklich. Que divertido. Und wieder einmal mit Contenance aber Bestimmtheit Herrscharen von Grabschern in der Disko beiseite geräumt, die eine litauische Blondine mit Cowboyhut für Freiwild hielten.

Nach Mendoza

Die Sterne ueber den Anden sind zum Greifen nahe. Die Milchstrasse ist kein Mythos mehr und du kannst mich kreuzweise, weil du endlich einmal genauso unwesentlich bist wie ich. Cortez der Killer segelt ueber den Sternenhimmel und verliebt sich in diejenige, deren Leute er auf dem schlechten Gewissen hat. Genau wie Tiger Lou mir etwas linkisch ins Ohr verspricht, dass er diese Schlingschönheit schon noch irgendwann Ja sagen hören wird. Oder wenigstens nicht Nein.

Und klar werde ich das auch hören, dieses Ja, aber zuerst muss ich aus dieser Marsstation entkommen, wo sie uns hineinpferchen bevor wir wieder zurueck auf die Erde geschickt werden. Eine Steaksemmel noch und ein paar eisige Bergwinde und man treibt uns über die Grenze wie eine Herde, den Berg hinunter, weg von der Milchstrasse, dorthin, wo das Geld noch weniger wert ist.

Es ist so stockfinster, dass der Bus vielleicht nur sieben Stunden im Kreis gefahren ist und Mendoza der Nachbarort von Santiago De Chile ist. Ich haette es nicht bemerkt. Over the Andes and far away.

Adios Santiago, adios Joaquin!

Es hat sich ausgeruht! Nach 14 grossartigen Tagen Santiago De Chile packt mich die alte Hexe Rastlosigkeit bei den Pantalones und zieht mich aus dem Andenkessel hinaus in die weite südamerikanische Welt. Morgen werde ich mir den unsäglichen Backpackersack umgurten und die Stadt verlassen und ich weiss selbst noch nicht so genau wohin.

Von den ersten nervösen Tagen im Ghetto bis hin zu den herrlich träge fliessenden Nachmittagen im Viertel der Boheme war es eine erstaunlich kurze Zeit. Die Nationalitäten sind nur so uüber mich hereingebrochen und abgesehen von dem enervierenden Grammatikunterricht und meiner notorischen Unausgeschlafenheit in selbigem, bestanden die Tage aus Begegnungen der angenehmen Art. Wenn man von den marodierenden Hundegangs, dem ein oder anderen einfältigen Sprachreisenden und einem chilenischen Gangsterrapper einmal absieht.

Da ist Pamela Morales aus der Pinte um die Ecke, Profesora Isabel aus Santiago, Johanna aus Stockholm, Mariana aus Mexico City, Constance aus der Provence (ich sag das nur wegen dem Reim, wahrscheinlich stimmts gar nicht), Ana und Benjamin aus Berlin und natuerlich mein grossartiger Mitbewohner und Queenfan Joaquin aus Talca, Chile.

Der Medizinstudent mit dem tiefergelegten Latinloverblick hatte nicht nur in 10 Tagen drei verschiedene Maedchen einquartiert, nein, am Ende hat er sich gar noch in das argentinische davon verliebt und will mit ihr zusammen ziehen, sobald sie geschieden ist. Ich werde die vielen Fragen vermissen, die er mir gestellt hat. Natuerlich auf Englisch, da ist er ganz stolz darauf:

„Burny, did you see that girl yesterday? Do you think she’s good?“
„Burny, my friend, what did you think of my ex-girlfriend?“
„Burny, when do we go to a party of the Swedish girl?“
„Burny, are you busy? Have you met the Swedish girl again?“
„Burny, what about the other girl you met?“
„Burny, have you seen the Argentinian girl? What do you think of her?“
„Burny, can we go to a bar that has girls?“
„Burny, are there any Swedish or German girls at the party?“
„Burny, did you hear the girl and me last night?“
„Burny, should I be with that Argentinian girl?“
„Burny, is the German girl coming over again?“
„Burny, where does the Swedish girl live?“

Joaqin y las chicas. Claro. Aber ich täte ihm Unrecht, reduzierte ich ihn nur auf seine promiskuitiven Unternehmungen. Zum Einen scheint er sich in die Argentinierin aufrichtig verliebt zu haben, zum Anderen hat er mir viel ueber sein Land erzählt, er versteht eine Menge von Fussball und ist überhaupt ein prima Kerl.

Eine Menge von dem, was ich hier kennengelernt habe, wird mir fehlen. Ich denke, ich werde am Ende noch ein paar Tage Santiago dranhaengen, aber das gibt dann lediglich einen Epilog. Adios Muchachos, ich melde mich bald von irgendwo. Ich bin selbst gespannt.

Un dia muy lento

Die unerträgliche Langsamkeit des Seins hat mich fest im Griff an diesem hochsonnigen Samstag in Santiago de Chile. War ich gestern noch zuviel Bier trinken auf einer WG-Party mit überwiegend chilenischem Studentenanteil und Lungen vergiften mit diesen parfümierten Dreckszigaretten von Belmont, so habe ich mich heute sprichwörtlich zur Ruhe gesetzt.

Um 12 aufgestanden und Verschwörungstheorien zum 11. September von Andreas von Buelow in mich gepflanzt, dann eine halbe Stunde geduscht, um die anschliessenden drei Stunden in einem Strassencafe in Bellavista zu verbringen. Man servierte Congrio, das ist eine Art Seeaal, fritiert und mit Salat. Davor ein Cortado und quasi als Aperitifo einen chilenischen Weisswein, dessen Namen ich vergessen habe.

Aber zurueck zum chilenischen Tag, der sich genau so langsam verflüchtigt wie er vollzogen wurde. Die Schatten senken sich ueber die lebhaften Bürgersteige von Bellavista und die Cafes tauschen ihre Betriebsamkeit langsam mit dem lauteren und wohlmöglich auch unlauteren Treiben der Bars. Vielleicht treff ich noch eine gewiefte Mexikanerin, die mich darauf gebracht hat, eventuell nächste Woche nach Buenos Aires ueberzusetzen, aber sowohl das eine wie das andere wird noch nicht jetzt entschieden. Ich bin noch zu langsam fuer Entschlossenheit.