Das falsche Tourtagebuch: 2. März 2014

Ich fühle mich älter, jetzt wo ich wieder daheim bin. Im positiven Sinne älter. Und ja, DAHEIM. Ich sage das, weil ich es meine. Seit langem bin ich wieder mal auf den Westfunkturm zugefahren und habe gedacht: gleich daheim. Wo war ich? Ach ja, ich war auf Tour. Sagt sich cool, liest sich cool, ist aber wie das meiste in meinem Leben nur die halbe Wahrheit. Es waren nur drei Auftritte im Süden mit meiner Heavy-Metal-Band The Gebruder Grim. Der Begriff Heavy Metal kommt mir manchmal schwer über die Lippen, aber sobald ich anfange, etwas von Retro- und DIY-Metal zu erzählen, wirkt es wie eine Rechtfertigung. Wer die Band live sieht, versteht dann aber alles. Wo einst Ironie vermutet, regiert die Liebe für die Musik meiner Jugend und dasselbe gilt für die Bandmitglieder. Die Besetzung gibt es erst seit letztem Herbst, es war wichtig die menschlichen Grenzen auszuloten. Und wo geht das besser als auf einer Rock’n’Roll-Tour.

Kurzkritik zu American Hustle, Monuments Men, Wolf Of Wall Street

AMERICAN HUSTLE
Mutig, einen charakterstudierenden Gangsterfilm so albern zu beginnen. Mit der Toupet-Szene deklassiert man Christian Bales Irving Rosenfeld gleich zu Anfang zur vollkommenen Witzfigur, aber er baut sich selbst innerhalb von nur zehn Minuten zum absoluten Leinwandgiganten wieder auf. Den Rest des Films ist er samt Comb-Over und Bierranzen die coolste Sau der 70er und hat mit Amy Adams eine unter Dauerclose-up-Beschuss stehende Edelschnake an seiner Seite (obwohl oder gerade weil sie mich an die junge Gisela Schneeberger erinnert), die sich noch dazu mit Jennifer Lawrence um ihn streitet. Die wiederum eine Abendessenszene hat, die alleine einen Oskar rechtfertigt und bei der ich mich gefragt habe, ob es eine natürlichere Inszenierung eines Restaurantbesuchs gibt als diese, und das in diesem zutiefst skurrilen Film. Die deutschen Filmemacher kriegen sowas nur hin, wenn (landestypisch) beim Abendessen geschwiegen wird. Aber vielleicht ist das ja der Grund, warum wir Deutschen keine guten Dialoge schreiben können, weil wir nicht viel und nicht gut reden. American Hustle ist auch dein Film, wenn du Bradley Cooper hasst, schließlich gibt er jede Minute Gelegenheit dazu, was man ihm in der Frequenz hoch anrechnen muss. Das und seine Miniaturkorkenzieherlocken. Hoch anrechnen muss man Louis CK nichts mehr, denn der Mann ist längst der weltbeste lakonische Darsteller. Wie er traurig, defensiv und unglaublich genervt unter einen Hut bringt, ist so vielschichtig wie stringent. Noch stringenter ist, dass er das tut, was genervte Filmcharaktere sonst nie machen – er geht einfach. Was bei David O. Russell bisher nie so ganz funktioniert hat, ist Story, Rhythmus und Figuren auf ein gleichhohes Niveau zu bringen und sie dort zu halten. Hier sieht das noch dazu ziemlich mühelos aus.

MONUMENTS MEN
Das hätte so gut sein können. Und ich meine Indiana-Jones-gut. Leider hat jemand den Spannungsbogen vergessen und das Ensemble spielt das Drehbuch entsprechend auf der linken (der abgesesseneren) Arschbacke herunter. Schade um die Kunst. Da hat man sich offensichtlich nicht zwischen pathosbejahendem Abenteuerfilm und der historischen Vorlage entscheiden können – und historische Vorlagen halten sich nun mal nicht an Spannungsbögen für Kinofilme.

WOLF OF WALL STREET
Die erste Stunde ist wie ein überlanger und äußerst gelungener Wall-Street-Sketch mit grässlich guten Mimen. Darunter mal wieder der allgegenwärtige und derzeit alles an die Wand spielende Matthew McConaughey. Dann (ohne McConaughey) verliert der Film seinen Rhythmus, findet ihn aber wieder und verliert ihn am Ende vollends. Sex, Drugs und Stock’n’Roll droht zur Endlosschleife zu werden, selbst die Ermittlungen gegen Jordan Belfort dümpeln vor sich hin. Am Ende schleicht sich sogar noch eine Art Ernsthaftigkeit ein. Dass der Film keine Moral und keinen Spannungsbogen hat, dass er quasi nur für Di Caprio existiert, will ich ihm nicht zum Vorwurf machen, im Gegenteil. Er ist nur einfach zu lang, es fehlt ein wenig die Präzision, aber vielleicht ist die in Raserei auswachsende sich ständig wiederholende Dekadenzdarstellung im Film auch das meditative Element. Der echte Jordan Belfort hat sich garantiert totgelacht, als er die Glorifizierung seines ekligen Lebenswandels im Kino gesehen hat (wobei er sicher auch bei jeder Tantiemenabrechnung für seine Autobiografie nicht wenig lachen muss), und während einige Kritiker Scorsese eine unkritische Haltung unterstellen, ist gerade die Nichtwertung von Belforts Biografie eine sehr moderne Herangehensweise. 2014 weiß der Mensch, was sich gehört und was nicht, bei allem Egoismus und Negativismus zeigt das der große Konsens zum Bankenwesen, Homosexualität, Gleichberechtigung und Markus Lanz. Bonuspunkte für Shea Wighams (auch in American Hustle, True Detective, Boardwalk Empire) kurzen Auftritt als subtilen Leugner einer sich abzeichnenden Seenot.

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2005 remastered

Jetzt hab ich endlich das komplette erste Jahr auf burnster.de überarbeitet, alte Links, überholte Veranstaltungstipps, peinliche Texte (weil ich es kann) und alberne Audience-Participation-Beiträge rausgeschmissen und das Dagebliebene teilweise orthographisch und syntaktisch grade gerückt. Aber keine Angst, ich war nicht allzu streng mit mir, es ergibt immer noch ein geschlossenes Bild meiner Blödheit vor 9 Jahren.

April 2005
Mai 2005
Juni 2005
Juli 2005
August 2005
September 2005
Oktober 2005
November 2005
Dezember 2005

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Das falsche Tagebuch: 17. Februar 2014

Mich stört die Berlinale nicht. Abgesehen davon, dass ich zwei Wochen nicht ins Cinestar kann (wo die Filme im Original laufen), und sich kein Berliner Kinobetreiber des neuen Poltfilms erbarmt, stört mich die Berlinale nicht. Ich muss nicht hin, ich muss aber auch nicht weg. Ich warte, bis mich jemand auf eine Premiere oder eine Party einlädt, aber wenn das nicht passiert, sitz ich freiwillig weiter zuhause und spiele Mark-Knopfler-Licks der ersten Dire-Straits-Platte auf meiner weißen Fender Strat mit den Fingern nach (bester Song, bestes Riff: Down To The Waterline) oder lese in meiner Tommy-Iommi-Biografie, wie die Band einst ihren Schlagzeuger Bill Ward mit Goldfarbe eingesprüht und mit Klarlack fixiert hat. Offensichtlich hatte die Band bis dahin nie „Goldfinger“ samt Shirley Eatons glänzender (!) Darstellung gesehen, sonst hätte sie gewusst, dass man so Leute umbringt. Auf jeden Fall wäre Bill Ward beinahe erstickt, denn der Mensch atmet nicht nur durch den Mund – was ich nur deshalb aufschreibe, weil es so malerisch klingt.

Zurück zur Berlinale: Manchmal warte ich jahrelang auf eine Einladung, dieses Jahr war ich bei einem Film und gleich zwei Parties. Die Höflichkeit verbietet es, über Festivitäten zu schimpfen, die einen umsonst mit Mousse Au Chocalat (mit Knusperteig im Innern) und Whiskey-Ginger-Ale ausstatten, aber wie so viele Veranstaltungen nach Veranstaltungen (sprich: Aftershow-Parties) ist das oft nur ein schwaches Nachglühen von Glamour, falls da vorher einer gewesen sein sollte. Schlechte Musik, alte Männer und geschmacklos gekleidete Frauen in schwarzlackierten Bars. Der Berliner Filmschick erinnert mich an eine Mischung aus Kunstpark Ost und den falschen Gourmet-Restaurants, in denen meine Eltern in den Neunzigern ihre Abende verbracht haben – die so Namen trugen wie La Mirage etc. Andererseits bin ich beinahe im Alter meiner Eltern in den Neunziger Jahren.

Ich schreibe ein Lied auf Deutsch, was mir sehr schwer fällt. Aber eine gute Zeile hab ich: „Ich werd die Hunde des Krieges ableinen.“

Lesereise 2014

Tournee, Tournee wir fahren auf Tournee! Am 14. April erscheint der dritte und finale Band der Mandel-Trilogie „Der große Mandel“ bei Heyne Hardcore und ab da geht’s immersiv rein in die Republik. Hier die ersten feststehenden Termine.

14.03.2014 Leipzig, Wärmehalle-Süd mit Linus Volkmann
14.04.2014 Hamburg, Superbude
15.04.2014 Berlin, Kaffee Burger, Buchpremiere
(mit Markus Kavka und Gästen)
22.04.2014 Nürnberg, Weinerei
23.04.2014 Regensburg, Alte Filmbühne
24.04.2014 München, Unter Deck
29.05.2014 Köln, King Georg
30.05.2014 Düsseldorf, Brause
31.05.2014 Mainz, Bukafski

Tourplakat2014_entwurf

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Das falsche Tagebuch: 11. Februar 2014

Merde. Wenn man ab Oktober rechnet, war ich etwa genau die Hälfte der Zeit bis jetzt grippal. Vollständige Gesundheit ist im Winter überhaupt ein rares Gut geworden, seit von allen Seiten Kinderviren auf einen einhageln. Nicht dass ich in früheren Wintern gesünder gewesen wäre, aber das war quid pro quo: saufen wie ein Loch, ausfiebern, weitersaufen wie ein Loch. Immerhin trinke ich seit ein, zwei Jahren beinahe nur noch Whiskey und dann sogar fast ausschließlich Jameson. Ja, ich denke, das ist gesünder und hält schlanker als Bier. Ja, ich denke das wirklich. Und wenn jetzt wieder die Leier vom echten torfigen schottischen Singlemalt losgeht, dann patz ich Ihnen eine. Einfach so mitten ins Gesicht. Mit derselben kalten Verachtung, wie mich so mancher Berliner „Barmann“ (..und Anführungszeichen sind noch euphemistisch) anschaut, wenn ich einen irischen Whiskey mit Eiswürfen bestelle. Ich habe lange in einer Bar gearbeitet (allerdings in einer Dienstleistungsgesellschaft, sprich in Bayern) und da galt die Maxime: Der verdammte Kunde ist der verdammte König, außer er will ein Bananenweizen.

Kontextbefreite Anmerkung: Warum sind viele dieser neuen Büro- und Funktionalgebäude in Berlin schwarz oder dunkelgrau? Wer will an einem Montagmorgen ein schwarzes Gebäude mit der Aussicht betreten, den Löwenanteil seines Februars dort zu verbringen?

Kurzkritik zu Blue Jasmine

Ich weiß nicht so recht, was ich zu dem Film sagen soll. Berührt hat er mich nicht, gefallen hat er mir schon. Die Biografie der Blanchett-Figur ist ziemlich stereotyp (aber toll mit dem elitärranzigen Alec Baldwin ausgestattet), aber wie sie die Figur mit Leben (und Stoli) befüllt, ist ja die eigentliche Hauptattraktion. Sie spielt immer hart an der Grenze zur Farce oder Parodie aber durch den Zoll geht sie nicht. Sie bleibt eine echte Figur, wenn man mir das Paradoxon durchgehen lässt. Man kann sich noch über die sehr amüsanten Nebenrollen von Louis CK und Michael Stuhlbarg freuen, und wenn man eh schon bei Boardwalk Empire ist, über das Temperament von Bobby Cannavale, aber ansonsten ist das ein Cate-Blanchett-Fahrzeug mit 300 PS.

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Kurzkritiken zu Captain Phillips, V/H/S 2, The Way Way Back

CAPTAIN PHILLIPS:
Ich schätze, wenn man Tom Hanks nachts auf die Schulter tippt und ihm ein Stichwort gibt, steht er auf und schauspielert bis man ihn aufweckt. Guter Film ansonsten – so stelle ich mir eigentlich einen modernen Die Hard vor, also John McClane mit Zeitgeist und Fingerspitzengefühl. Prozedur gegen das echte Leben lautet meine Quintessenz, kann aber auch sein, dass die Amis hier nur wieder ihre Navy loben. Als Europäer sieht man ja nur, was man sehen will.

V/H/S 2
Assoziation: Wären wir noch in den Achtzigern, wäre das eine innovative und lustige Parodie auf „Gesichter des Todes“ und so Snuff-Müll. Weil wir aber schon viel später haben, kann ich keine Found-Footage-Sachen mehr sehen. Der Gore ist mir auch zuwider, von der Kameraführung wird mir schlecht und Ironie ist kein ausschlaggebendes Stilmittel mehr für mich.

THE WAY WAY BACK
Ich war nah am Greinen, weil mich der Film schmerzlich daran erinnert hat, dass ich auch heute noch die Welt in „Wir“ gegen „Erwachsene“ unterteile. Klar umrissenes Coming-Of-Age-Szenario, der uralte Kampf, aber mit der ruhigen Hand, ohne hysterische Romcom-Dialoge, die Atmosphäre wird ergo nicht dem fetzigen One-Liner geopfert. Alles mit Gemach. Die Eltern und Erziehungsberechtigen sind ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, die Kinder können sich gehackt legen. Erwachsene“ sind doof. Ewiglich und weltweit.

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Das falsche Tagebuch: 28. Januar 2014

Von der Mulmigkeit in den Wurstmonaten und der Zerbröselungspanik

Ein mulmiges Gefühl. Denk ich an Berlin bei Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Ein mulmiges Gefühl. Ein mulmiges, leich defätistisches Gefühl habe ich, wenn ich mir die Stadt anschaue. Ich kann nicht „meine“ Stadt schreiben, es geht einfach nicht, ich brings nicht übers Herz. Mir ist vollkommen klar, dass meine Mulmigkeit in nachbarschaftlich guten Beziehungen zur Paranoia steht, aber die Ratio gibt klein bei.

Eine ehemalige Arbeitskollegin und gebürtige West-Berlinerin hat vor beinahe zehn Jahren gesagt: Das größte Problem an Berlin ist, dass jeder denkt, um die Ecke kommt noch was Besseres. Sie hat das damals eher auf Parties, Drogen, Sex und Hockeyclubs in Zehlendorf bezogen, aber das lässt sich tatsächlich auf jeden Lebensabschnitt übertragen. Jetzt ist es die bessere KiTa, die bessere Schule, die größere Eigentumswohnung etc. Klar, der Mensch denkt, er muss sich weiterentwickeln, Zufriedenheit ist auf der Stelle treten, das ist verpönt, suspekt und vermutlich sogar verwerflich. Ist es einfach die Gewissheit der eigenen Endbarkeit, der horrende Schiss vor der eigenen unvermeidlichen Zerbröselung, den uns jemand in den Gencode geschrieben hat, oder ist es einfach der gnadenlose Neid (was ja vielleicht einfach die Folge ist)?

Ich fühle einen Hauch von Panik. Das äußert sich vor allem im Umgang mit Kindern. Da ich selbst eins habe, muss ich mich gezwungenermaßen mit anderen Eltern abgeben und mein Leben ist seitdem schlechter geworden. Ich bin tätowiert, arbeite zuhause und man kann mich googeln. Das reicht, um den meisten Leuten hier (in Berlin Mitte) Angst einzujagen. Nicht, dass ich den geringsten Wert auf eine gemeinsame Freizeit mit den Eltern aus der KiTa legen würde, aber eine friedliche Ko-Existenz, bei der man noch nicht einmal im Ansatz darüber nachdenkt, wie der andere eigentlich ist und was er macht, wäre drin. Kinder intensivieren den Wahnsinn in den Leuten. Plötzlich schaut jeder ganz genau hin, obwohl es ihn einen Scheißdreck angeht. Was macht der andere mit dem Kind, wie ist die Frisur und die des Kindes, wann geht er zur Arbeit, wer ist das überhaupt, der sein Kind in die Nähe des meinigen lässt?

Und dann kommt das: Zwangssozialisierung, Lästern, Kinder nicht zu Kindergeburtstagen einladen. Kinder nicht miteinander spielen lassen. Und natürlich schwingt sich irgendeine Mutter (ja, es sind leider immer die Mütter) zum Blockwart (westdeutsch: Hausmeister) auf und schreibt ach so freundlich mahnende E-Mails an ALLE. Um nichts auf der Welt möchte ich auf unseren Sohn verzichten. Dennoch wünsche ich mich manchmal wieder in die soziale Isolation zurück, die man als kinderloses Paar genießt.

Dass alles zugeschneit ist, beruhigt mich. Die kaputte Stadt hier kann sich auf den Kopf stellen in ihrem kollektivindividualistischen Massenegoismus, es sieht trotzdem jedes Penthouse und jeder SUV gleich aus. Klar treibt mich auch der Neid der Besitzlosen um, das will ich nicht leugnen. Die Impulse sind ja nicht das Gefährliche, die mangelnde Impulskontrolle ist es, oder in anderen Worten: der Stil.

Das hier soll gar keine Abhandlung über die Berliner Gesellschaft sein, dafür kenne ich sie zu wenig. Man pendelt ja nur zwischen Mikrokosmen. Es ist nur die Bestandsaufnahme einer Stimmungsmisere, die ärgerlicher als ihre Gründe ist. Statt mich auf ein paar grundsätzliche buddhistische Regeln zu konzentrieren, wie ich das zu meinen besten Zeiten (die sind allerdings rar) im Ansatz schaffe, maule ich mit den Haien und vermiese mir selbst die Schneetage, die zum Besten gehören, was die zwei Wurstmonate Januar und Februar zu bieten haben. Und frag mich nicht, warum Wurstmonate. Das ist hier ein falsches, aber dann doch ein Tagebuch. Man schreibt auf, was man vom Feeling her so fühlt.

Was ich auch noch irgendwo aufschreiben will: True Detective ist großartig. Ich glaube, ich kenne nach Agent Dale Cooper und Marshall Raylan Givens keinen so großartigen „Gesetzeshüter“ wie Rust Cohle. Seine Art von Weltverneinung ist fast zärtlich und er hat einen derart feinen Sinn für Humor, dass es beinahe unmöglich ist, seine Belustigung von seiner Erschütterung zu trennen. Natürlich trägt die Serie visuell und dialogisch ganz ganz dick auf, aber irgendwie tut sie das von ganz unten, mit einem langsamen, scheinbar endlosen Ausatmen.

Das falsche Tagebuch: 20. Januar 2014

Ich bin gereizt. Ich bin sauer. Ich habe das Gefühl, es offenbaren sich jeden Tag mehr Schwachstellen an Geist und Körper. Meine Haut durchlebt seit November (da fing dieses höllische Wechselwetter an) einen Koller nach dem anderen und überall sehe ich zwischen die Ritzen, sehe die Sollbruchstellen und visioniere mir Schreckszenarien ins Haus. Das Internet wird jeden Tag etwas schwächer und meine Frisur sieht bescheuert aus. Wenn ich Whiskey trinke, wirkt das nicht wie die übliche Befreiung, sondern wie eine Vergiftung. Auch das Kind fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, das merke ich doch. Ich glaube, ich kenne das Gefühl, es ist ein uraltes. Es ist meistens eine Art Verpuppung, bevor sich entwas entlädt, und das muss weiß Gott nichts Schlechtes sein. Hauptsache irgendetwas passiert. Das alte Warten und vielleicht sogar freudige Hineinstürzen ins Getümmel, ins Gefecht, in den nächsten Weltkrieg.

Wenn ich mich umschaue, dann scheine ich nicht der Einzige zu sein, dem der Dampf zu den Ohren hinauskommt. Alles wetzt und wartet gleichzeitig und kehrt letztlich panisch vor der eigenen Haustür bevor das Dach darnieder rauscht. Die anderen Eltern schauen mich komisch an, aber langsam verstehe ich, dass sie Angst haben, dass ich ihre Angst bemerke. Tu ich auch, ist mir aber scheißegal. Denn glauben Sie’s oder nicht, auch ich hab Sorgen. Sorgen, dass wir in einer Stadt aus Asche leben, die nur noch so lange dasteht bis der geringste Windhauch sie in ein Nichts zerweht. Tiny City made of Ashes in der Version von Sun Kil Moon. Gesellschaftsparanoia ist meine Lieblingsexzentrizität zur Zeit, und ich bin froh, dass ich endlich wieder eine habe. Ich bin Künstler verdammt noch Mal. Ich trinke zu wenig, rauche nicht und habe keine Liebhaberinnen oder Liebhaber. Irgendeinen Hau muss ich haben, wie soll ich sonst schreiben?

Am Freitag war ich wieder beim Stand-Up. Ich praktiziere das, ich tue es, aber ich tue es beinahe heimlich. Nicht weil ich mich schäme, ich finde sogar, dass mein Sieben-Minuten-Programm (das ich fatalerweise jeden Monat komplett umschreibe) mittlerweile ziemlich gut funktioniert. Heimlich, weil es schön ist, ein geheimes Hobby zu haben, wenn ich schon nicht in Puffs gehe. Heimlich auch, weil ich noch nicht an Punkt kommen will, wo man mich berechtigterweise fragt, was ich damit erreichen will. Noch kann ich sagen, ich bin neugierig. Am Anfang war ich ein wenig entsetzt ob der cliquenhaften Natur des Kleinvarietés in Schöneberg. Dieses Zwangszusammensein mit Anwesenheitspflicht, was einem nur wieder verdeutlicht, dass man nicht dazugehört, wenn man sich nicht zu einer sozialen Regelmäßigkeit aufraffen kann – story of my life. Doch die Leute dort sind toleranter als ich gedacht habe. Die Profis (und meine Güte, gibt es da Leute mit gutem Timing) und die Nieten gleichermaßen. Es ist die demokratischste und unprätentiöseste Form von Unterhaltung, die ich je gesehen habe, wenn man von den Moderatoren des Abends mal absieht, welche die einzige Form von Hierarchie repräsentieren. Aber nichts schweißt mehr zusammen als die kollektive Zuarbeiter-Erfahrung. Ich geh bald wieder hin, sage aber niemanden Bescheid. Wenn Sie mich in zehn Jahren lesen sehen und sich fragen, warum ich ein Timing-Gott bin, dann wissen Sie Bescheid.

Ich übersetze ein Sachbuch über Beschiss im Weltfußball, verschobene Spiele und so. Verschobene Spiele darf ich nicht sagen, weil der Laie sonst denkt, es handle sich um ein verspätetes Spiel. Es geht viel um Singapur, ich denke seit zwei Tagen andauernd über Singapur nach. Das erleichtert mir ein bisschen die Berlin-Paranoia. Die Sonde, die gerade aufwacht, wäre eigentlich ein roter Teppich für Außerirdische, den Weltuntergang oder einfach irgendwas. Hauptsache es passiert irgendwas, damit die Wut und die Anspannung weg gehen.