Warum buche ich nur bei Iberia? Hinterher frage ich mich das jedes verfluchte Mal und mir fällt kein triftiger Grund ein. Dieser Bericht soll mir selbst als endgültige Warnung vor der nächsten Buchung dienen. Die Meister der Ansammlung von Midflight-Kalamitäten und Organisationsunpässlichkeiten haben letzten Donnerstag mal wieder ihr gräßliches Haupt erhoben, als euer Chef seine Heimreise von Santiago de Chile nach Madrid antrat.
Es fing schon am Flughafen an, indem man mir einen Platz zuwies, den ich nicht haben wollte. Ich war zwei Stunden vorher am Flughafen. Wann muss ich da sein, damit ich mir einen Fensterplatz aussuchen kann? Zwei Tage vorher? Checken die Chilenen alle per Handy beim Abendessen am Vorabend ein?
Ah, Gilberto dame una otra cerveza y mi movil. Ah, no esto, esto.
Uh, tengo que hacer una reservacion por mi vuela a Madrid.
Sipo, sipo.
Den Ärger wegen meinen Turnschuhen und der Mischpoke am Zoll erspare ich dieser Erzählung, denn es kommt viel dicker. Ich besteige also den museumsreifen Langstreckenbomber und quetsche mich in meinem Minimalsitz, natürlich nicht am Fenster, sondern am Gang, wo man mir den Servierwagen in der Folge circa 45-mal gegen das Knie fahren wird. Das Grauen nimmt seinen Lauf und neben mir ein fortan pfeifender und unerträglich gutgelaunter Belgischer Biologe Platz. Ich nenne ihn den Pfeifer. Hinter mir quartieren sich zwei Russen ein, die in den folgenden dreizehn Stunden nicht einmal ihr Maul halten werden, sondern insistent den scheinbar gleichen Witz im zwei Minuten Intervall rotieren lassen, gefolgt von ohrenbetäubendem Gelächter. Ich nenne sie die Russen.
Vor mir quetscht sich ein unsympathischer und kahlköpfiger Spanier mit seiner knochigen Ehefrau in die Sitze. Ich nenne ihn den Rüden. Aber zu dem komme ich gleich noch.
Die Stewardsituation gleicht einem Bild aus dem zweiten Carlistenkrieg. Ich, der beim dritten Durchlesen der Mötley Crüe Biografie langbeinige, blonde Stewardessen mit Bereitschaft zum spontanen Kundenverkehr im Kopf hat, muss auf ein ästhetisches Schlachtfeld blicken. In meiner Reihe bedienen zwei fette Mittfünfziger mit wenig Haaren, aber mit viel Haarwachs drin. Beide sehen aus wie J.R., der großindustrielle Onkel meines Vaters. Ich nenne sie die Sleazy Stewards. In der anderen Reihe bedienen zwei Frauen, ebenfalls um die fünfzig, aber offenbar weniger mürrisch.
Als das fliegende Gefängnis dann endlich abhebt, ist meine Laune schon längst am Boden. In den ersten zwei Stunden läuft „Walk The Line†und Reese Witherspoons Gejodel lässt mich das Gejohle der Russen und das Gepfeife des Belgiers noch einigermaßen aushalten. Doch das Verhängnis beginnt, als der rüde Spanier vor mir seinen Stuhl zurücklässt. Das ist ja immer eine sehr prekäre Situation auf Flügen, die meinen Namen auf der Passagierliste stehen haben. Beim Zurücklassen der Lehne im Sitz vor mir verstehe ich nämlich das genaue Gegenteil von Spaß. Zunächst bitte ich den Rüden, der mir gerade mit dem zurückschnalzenden Sessel mein Buch aus der Hand und meine Mütze vom Kopf geschlagen hat, höflich aber bestimmt, seinen Zug zurück zu nehmen. Er scheint zunächst einzuwilligen, aber als ich eine halbe Stunde später in einem unachtsamen Moment mein Knie von seiner Lehne nehme, schlägt er geradezu hinterrücks zu und wirft sich mit seiner gesamten Leibesfülle gegen den Stuhl. Und plötzlich ist mein ohnehin sehr geringer Lebensraum auf dem Iberia Flug 6832 um die Hälfte dezimiert.
Und hier kommt (ich nenn ihn) der Jähzornige ins Spiel, also ich. Erstmal gibt es die Handkante gegen den Stuhl des Rüden. Dann eine giftige und lautstarke Moralpredigt auf Spanisch. Mindestens zwei Minuten lang. Keine Ahnung, was ich ihm erzählt habe. Weder mein Vokabular, noch meine Grammatik reichen für länger als zwanzig Sekunden. Dann fliegen mein Buch und meine Kopfhörer unter vulgären (deutschen) Flüchen auf den Flugzeugboden und zum Abschluss nochmal das Knie in den Rücken des Rüden. Hilft leider alles nichts. Der Gegner beibt hartnäckig und gibt vor zu schlafen, auch wenn ich ihm ständig in den Rücken trete und ihm auf die Glatze blase.
Hinter mir erzählen sich die Russen wieder diesen einen Witz und um mich herum stapfen die Leute wie Zombies im Kreis durch den Flieger, um sich keine Sitzwunden zu holen. Die Sleazy Stewards mähen mit dem Servierwagen durch die Reihen und sind mürrisch zu den meisten, mich ignorieren sie völlig. Vermutlich hat der Rüde sich beim letzten Rotwein längst über mich beschwert. Als ich beim Verteilen der Zusatzbrötchen vom Allersleazigsten der Sleazy Stewards einfach übersehen werde, sage ich ihm leise „Du Arschloch†hinterher. Durchaus guter Dinge, dass der Spanier dieses deutsche Schimpfwortgut nicht in seinem aktiven Wortschatz beherbergt. Als er das nächste Mal mit dem Servierwagen gegen meinen Fuß fährt sagt er auf spanisch:
„Brauchst fei net glaum, dass ich des net verstanden hab, Freundchen.â€
Aber was solls, unfreundlicher kann der Service ja nicht mehr werden. Während also die Russen weiterbellen und der Pfeifer pfeifend an seinen Forschungsmemoiren feilt, der Rüde sich weiter im Schlaf gegen den Stuhl wirft und der Rest der Freaks hier durch die Boing stapft, beschließe ich noch etwas mit diesem angebrochen Abend anzufangen.
Ich experimentiere ein bisschen blauäugig mit Paracetamol und ein paar rezeptfreien Schlaftabletten herum, bis ich irgendwann anfange, leicht zu halluzinieren und mit einem breiten Grinsen vor mich hin dämmere und mir denke: „Machts gut ihr Idioten.â€
Doch das auf die eigene Schulterklopfen wegen dem gelungenen Highsein findet ein jähes Ende, als ich bemerke, dass sich aus dem Downergemisch ein handfester Upper entwickelt hat und sich ein unwillkommenes Zucken im rechten Bein etabliert. Gemeinsam mit einem panischen Anflug von Platzangst. Plötzlich erscheint mir mein Sitzplatz wie ein Stehplatz und das Gejohle der Russen schwillt zu einem Brüllen an. Wir befinden uns in Flugstunde fünf und die Paranoia hat gerade erst begonnen. Um den misslungenen Medikamententrip wieder zu verlassen, trinke ich Wasser wie ein Blöder, wozu ich jedes Mal zu dem beleidigten Sleazemeister rennen muss, um fünf Minuten später gleich nochmal an ihm vorbei aufs Klo zu hetzen. Weil ich rabenbreit bin, fällt mir auch noch meine Lesebrille in die Kloschüssel und ich kann sie im letzten Moment herausfingern bevor der Sog des ewigen Vergessens sie und meine Hand in die kalte Luft über Lima befördert.
Wenn Sie, verehrter Leser, jetzt auf ein erlösendes Moment oder einen Klimax warten, muss ich sie leider enttäuschen. Ich blieb high bis kurz vor Madrid und der Horrortrip endete am Zoll, als ich den Rüden mit „Verpiss dich, du Fucker†verabschiedete, ich mir aber diesmal sicher war, dass er kein Deutsch verstand. Notiz an mich selbst: Das war das letzte Mal, dass du bei Iberia gebucht hast.