Das falsche Tagebuch: 14. Juni 2017

Ich brauch Power für mein Akku.

Denn das ist ein Hochverbrauchsritt zwischen Begeisterung, Ratlosigkeit und Verzweiflung. Ein performierendes Leben im besten und ein perforiertes im schlechtesten Sinne. Es liegt ja alles so nah beinander – Tod, Sex, Aufbruch, Abbruch, Scheißhaus, Waschbecken. Mir gings wirklich selten besser und selten schlechter und ich kann nicht ewig so leben – mein Rücken begs to differ – aber eine kleine Zeit lang will ich es, muss ich es. Weil Gespräche und einzelne Vokabeln, die lexikalischen Einheiten wieder so viel bedeuten. Es ist das Zeitalter der Semantik. Weil die Zeit auch wieder wichtig ist, weil mich interessiert, wie lang die Schatten werden und der Blick auf der Uhr wie der Blick aufs Meer ist. Es sieht unendlich aus, aber nur weil man nicht weit genug sieht.

Als ich damals an der Uni Dickens‘ „Große Erwartungen“ gelesen habe, wollte ich auch zumindest einen Umriss für meine kommende glanzvolle, von mir aus auch tragikomische, Vita erahnen können. Immer ich – und immer ich vorne dran in der Aufzählung des Casts meines eigenen Lebens. Selbstdarstellung bis es weh tut, bis verdammt-noch-mal Resultate kommen. Ich hab mir das einigermaßen abgewöhnt, dachte ich. Durch Familie und so. Die Wahrheit ist aber, dass ich selbst die Familie andauernd in einen Kontext bringe, der etwas über mich aussagt. Das gibt mir Power für mein Akku, das macht mich sogar zu einem guten Familienmensch, weil ich dann gerne Familienmensch bin, aber es macht mich auch blind und rücksichtslos für andere Menschen, die ihre eigenen „Großen Erwartungen“ haben.

Dickens, Kafka, Bernhard, Zweig, Updike, Chomsky, Bronte und Easton Ellis hab ich während meiner Zeit an der Uni gelesen. Alles Geschichtenerzähler großer Desillusionierung, right? Trotzdem will man nicht wahrhaben, dass man auf dem Holzweg zur Komplettierung gehörig entgleisen wird und wahrscheinlich sogar muss. Ich will nicht sagen, ich hab das jetzt hinter mir, denn es wird noch ganz oft was rasend daneben gehen, aber ich weiß jetzt ein bisschen, wie es sich anfühlt, zu verlieren. Genauso brutal wie ich dachte, aber – hey – es ruft Aufwachmechanismen ab, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Ich kann Erdbeeren am Kanal essen und oder in der Kantine vom Krankenhaus sitzen, ich kann singen und gleich danach bluten und schwitzen wie ein Vieh. Ich kann wieder panisch beten und ich kann mehr denn je auf meine innere Ruhe vertrauen, ich kann alles und ich kann absolut überhaupt nichts. Ich kann Grandioses schreiben und im nächsten Moment alles mit Entsetzen tiefrotstiftig wegkorrigieren wie ein Deutschlehrer den Aufsatz eines nachhilfebedürftigen Schülers. Es ist wirklich alles drin und alles draußen. Es gibt für alles einen Zugang, doch an die wenigsten Dinge kommt man in einem Leben heran. Vielleicht übernehm ich mich, vielleicht überheb ich mich – so oder so: ich brauch Power für mein Akku.

Kurzkritik zu Alien: Covenant

Lieblos geschriebene und übertrieben professionell gefilmte nihilistische Alien-Kacke mit ätzenden Plot-Twists, die vorhersehbarer sind als jede ALF-Folge. Prometheus war eigentlich ein guter Einstieg, aber dank Covenant hab ich gänzlich das Interesse an der Origins-Story verloren. Fassbenders penetrant sinsistres Elitisten-Gehabe ist die reinste Reissbrett-Schurkerie und die Crew schenkt sich nichts mit der langen Ahnenreihe aus saublöd handelnden Astronauten im Umgang mit fremden Kulturen. Ah, ein schleimiges Alien-Ei, da möchte ich mal hineingucken. Hmmm, was liegt da auf dem Boden, das fass ich doch am besten mal an. Wie froh bin ich jetzt doch, dass Ridley Scott sich beim Blade Runner-Sequel aufs Produzieren beschränkt und Denis Villeneuve den Vortritt lässt.

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Kurzkritik zu Get Out

Weißen reichen Arschgeigen kann dieser Tage nicht genug eingeschenkt werden – hoffe, das ist auch im echten Leben das Endgame.

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Kurzkritik zu Guardians of the Galaxy Vol. 2

Ich hab viel gelacht und am Ende trotz oder wegen der schönen Kitschtrauer eine Träne zerdrückt. Manchmal war mir die Handlung arg egal, könnte ich sagen, aber das wäre auch gelogen, denn die Figuren waren ja die Handlung, der Humor war die Handlung. So schreibe ich ja selbst oft, und ich behaupte, das muss man erst einmal können. Der Film war gespickt mit Zwischenmenschlichkeiten und kleinen Besonderheiten und nur weil der Film meint, damit einen auf Vol.1 draufsetzen zu müssen, ist das noch lange nichts verwerfliches. Noch geht alles noch einmal – mit ein paar mehr Explosionen und einem herzrausreissenden Baby Groot. Ich fand das alles sehr schön und lustig, nur über die Hasselhoff- und Stallone-Cameos kann man ein Ei drüber schlagen.

PS: Dave Bautista ist ein Timing-Gott, ob im Ring oder im Kino.

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Das falsche Tagebuch: 24. April 2017

Bin kurz los, hab meinen Geldbeutel bei Steinecke geholt. Hatte ihn heute morgen dort vor dem Laden liegenlassen. Frau hinter der Theke sagt, ich habe Glück, dass ihn ein Kunde in den Laden gebracht hat. Göbe nicht mehr viel so ehrliche Leute, sagt sie. Glaube ich nicht, denke ich. Ich habe mein Portemonnaie schon an die sechsmal verloren und noch nie hat jemand auch nur einen Cent rausgenommen. Vielleicht sieht man aber auch den Schwerbehindertenausweis darin und bekommt ein schlechtes Gewissen. Es ist nicht meiner, falls das jemand fürchtet. Wär mir fast lieber er wärs.

Auf dem Weg zurück zum Büro ist wieder dieses Ding passiert, wo ich alles so genau wahrnehme. Jeden Schritt. Jede Rille meines Turnschuhs, wie sie den fuckin‘ Asphalt berührt, einzelne Haare an den Ohren, die der Wind streift. Das geht oft einher mit einer Art angenehmem Stromschlag, den meine Finger in den Brustkorb weiterleiten, bis es kribbelt, am Hals, über den Kiefer bis fast hoch unter die Wangenknochen. Das wird manchmal durch Musik getriggert, aber seit letztem Jahr kann ich diese „Zeitlupen-Funktion“ immer öfter nach Wunsch einschalten. Manchmal denke ich, umgekehrt fühlt sich der Rote Blitz, wenn er durch die Gegend rennt und alles steht still, einfach nur, weil er so schnell ist. Ich hingegen bin plötzlich zu langsam, aber das fühlt sich mindestens genau so metahuman an.

Wenn ich dann vor der Bürotür stehe und ganz genau spür, förmlich sehe, wie der Bart vom Schlüssel sich im Innern des Türschlosses einfügt, sich die einzelnen Metallteile ineinander verzahnen, dann halte ich mich nicht für achtsam oder „aware“, sondern einfach nur für ein wenig überdreht und deshalb besonders langsam und bedacht auf diese Langsamkeit. Dass mir das Gefühl gefällt und ich mich währenddessen über nichts anderes im Leben aufregen muss, kann man mir ja nicht verübeln.

Jetzt sitze ich da und esse eine Schokolade mit Macadamia-Nüssen, hör Tom Petty und schmeck das erste Mal seit der Erkältung letzte Woche wieder was in vollem Ausmaß. Kein Fazit. Wozu auch.

Die 25 besten klassischen Western

Dieser Beitrag geistert als Entwurf schon über zwei Jahre in meinem WordPress herum, und irgendwie hab ich ihn nicht veröffentlicht, weil sich meine Meinung zum Ranking ständig verändert. Zumindest hatte ich die Liste schon mal in einem arg Mezcal-geschwängerten 120-Minuten-Vortrag bei tschk!Talks gepreviewt. Jetzt hab ich eingesehen, dass es besser ist, ich veröffentliche den ursprünglichen Artikel mit den ursprünglichen Platzierungen, als weiter mit mir und meiner Vergangenheit zu hadern wie mein großer Freund Shane (see what I did there). Also direkt hinein in mein Vorwort von 2015.

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Seit Juli 2014 habe ich zirka 50 klassische (also keine Avantgarde, kein Eastern, kein Underground) und hochgelobte Western gesehen und versucht, sie in eine Reihenfolge zu bringen. Habe Schemata erkannt, die mir noch nicht bewusst waren, habe die Alten wie Ford und Hawkes schätzen gelernt, bin auf meine alten Tage zum John Wayne-Fan geworden und werde eines Tages selbst einen Western drehen oder schreiben. Die Grundlage meiner Recherchen und Filmvorführungen war eine Liste von IGN’s besten Western, auf die ich zufällig gestoßen bin, weil ich etwas zu Peckinpah recherchiert habe. Besagte Liste ist immer noch eine der besten, die ich online gefunden habe, und man glaube mir, ich habe eine Menge Western-Bestenlisten gefunden. Angefangen habe ich dann eben im Juli im Dachgeschoss meiner Eltern. Es hatte nachts noch über dreissig Grad, ich konnte nicht schlafen, weil es so heiß war, und mein damals vierjähriger Sohn nicht, weil ihn die Mücken auffraßen. Wir waren beide irgendwie außer uns. Er hörte die ganze Nacht Hörspiele, ich schaute Filme auf dem Laptop. Und zu dieser Hitze passte nur ein Genre, wie ich fand, und so schwitzte ich mich zunächst mit „The Wild Bunch“ und „The Man Who Shot Liberty Valance“ in den Schlaf. Als ich wieder in Berlin war, fing ich an, mir jeden Film, den ich sehen wollte, auf DVD oder Blu Ray zu kaufen, auch die Western, die ich bereits kannte, und sie nach meinem Gusto zu ordnen und ranken. Bis heute steht hier ein ganzes Regal voller grandioser Westernfilme, und in meinem Kopf gibt es diese Erinnerung an einen dreckig heißen Sommer mit einem Westernmarathon, die mir keiner mehr nehmen kann. Es war wie ein Urlaub, ein wirklich langer Urlaub im alten Westen. Let’s saddle the horses.

Das falsche Tagebuch: 3. März 2017

ÜBER ESSEN UND RELIGION

Ich will nicht lügen. Das sind die finstersten Tage für meine Familie und mich und vielleicht werden daraus auch noch Jahre. Ich sag das, damit man sich die Hoffnung auf Pointen gleich zu Beginn dieses Textes abschminkt.

Ich bin in Essen gerade oder besser gesagt: in Teilen von Essen. Ich wohne in Heisingen auf dem Berg über dem See in einer Wohnviertelbeschaulichkeit, wie ich sie in Deutschland überhaupt nicht mehr für möglich gehalten habe. Es ist Geld da, aber es es soll nicht so aussehen. Es ist gesellig und isoliert zugleich. Es ist ein bisschen, als wäre ich zurück in die späten Achtziger gereist.

Ich bin da oben auf dem Berg und dann immer unten im Krankenhaus. Das sind meine beiden Haupt-Essen. Einmal war ich in der Zeche Zollverein, einmal in Hattingen, einmal in der Gruga und gestern im Südviertel in einem studentischen Cafe. Das meiste von der Stadt sehe ich von einem Taxi aus. Müsste ich Briefe an Zuhause schreiben, würde ich formulieren: „Mama, es ist alles furchtbar, aber mir geht es gut. Ich finde hier ein wenig Ruhe.“Aber grade das mit der Ruhe ist ja das fürchterlichste, denn Ruhe hat in diesem Fall was von Siechtum.

Ich hab mich immer ein bisschen geschämt, dass mein Leben sich niemals in irgendwelchen Extremen abgespielt hat, und gefunden, dass mich das als Künstler auch irgendwie diskreditiert. Jetzt, da so ein Extrem eingetroffen ist und jemand quält, der sich ganz sicher nie ein Extrem gewünscht hätte, schäme ich mich für solch idiotische Gedanken und überhaupt für meine jämmerliche jämmerliche Egozentrik.

Ich habe mal ausprobiert, ob ich noch beten kann, aber das ist wie Schwimmen, das sind Reflexe. Ich bin seit zwanzig Jahren nicht mehr in der Kirche und kann plötzlich besser denn je verstehen, wie Leute sich an einem höheren Sinn festhalten, selbst wenn ihnen jeder Instinkt sagen müsste, dass es den nicht gibt, denn es ist alles nur Algorithmus und marginale Abweichung.

Wenn man es richtig anpackt mit der Religion, dann ist sie wie ein Laster. Wenn man es mit ihr übertreibt, macht sie dumm und krank, aber sie kann dir eine gehörige Identität für zwischendurch stiften, machen wir uns nichts vor. Aber noch geh ich nicht in die Kirche. Ganz soweit ist es noch nicht. Noch tarne ich meine Gebete in meine morgendlichen Dehnungsübungen hinein.

Was wollte ich gleich noch noch über Essen sagen? Ich glaub, ich mag es hier. Die Stadt ist auf eine unaufgeregte Art mit sich beschäftigt. Ohne größere Minderwertigkeitskomplexe. Berlin ist im Gegensatz zu anderen Städten wie Köln und München nicht ständiges Gesprächsthema, zumindest nicht da, wo ich residiere – in meinen beiden Essen, auf dem Berg und unten im Krankenhaus. Die Taxifahrer, die beide Teile miteinander verbinden, sind außergewöhnlich freundlich und fahren vermutlich auch dem Transportanlass nach besonnen, aber mich hat auch noch kein Busfahrer angeschnauzt und es ist beinahe mein 16. Tag hier. Wenn nicht ganz so viel Krankheit und Tod in der Luft läge, gefiele es mir hier außergewöhnlich gut.

Kurzkritik zu Logan

Jetzt ist es passiert. Endlich hat auch ein Marvel-Titel (mit der starken Einschränkung der 20th Century Fox-Lizenz) seinen dystopiösen und noch dazu vor Brutalität sprudelnden Nachdenkfilm. Dass dafür die ewig hadernde und grantelnde Sauklaue Wolverine herhalten muss, lag ja schon immer in der Natur der Figur. Selbst wenn der Film entgegen aller Fanboy-Hoffnungen so gut wie gar nichts mit dem teils recht gehässigen, aber originellem „Old Man Logan“-Comic zu tun hat, nutzt er trotzdem eine ähnlich alternative Timeline (sprich: gibt einen Scheiß auf das Chronologie-Zinober der X-Men-Filme), um seinen Figuren jede Menge Gewalt anzutun und den Game-Of-Thrones-erprobten Zuschauer auf die Streckbank einer Welt zu schicken, in der Genozid und Gentechnologie ein und derselben Lust und Laune entspringen.

Mir persönlich ist das zu brutal und zu negativ, ich brauche nicht die ständigen Zerfetzungen und die Omnipräsenz von Weltuntergang. Das hab ich im echten Leben zur Genüge. Davon abgesehen hinkt Mangolds zweiter Wolverine-Film auch unabhängig von meinem Gusto dem Zeitgeist hinterher. Nolans Dark Knight war bahnbrechend in Sachen „grounded & gritty superheroes“, und selbst dem vorausgegangenen Japan-Wolverine hätte dieser Ansatz noch ganz gut getan, aber 2017 kommt mir die Grundstimmung des Films verspätet postapokalyptisch (see what I did there) vor.

Klar, Hugh Jackman ist die Sympathie für die Rolle immer noch anzumerken – sein immenser Bartwuchs spielt sich stärker denn je in den Vordergrund – und Patrick Stewarts siechend kreuzfideler Professor X ist die bisher stärkste Inkarnation der Figur, aber Logans verwilderte und tollwütende Teenager-Tochter, der handelsübliche fanatische Wissenschaftler (Typ Mengele) und Boyd Holbrook als immer leicht gelangweilt wirkender Cyborg-Söldner Donald Pierce sind zu stereotyp, um diese finstere Realität auch wirklich als real zu empfinden. Deshalb gibt es auch keinen glaubhaften Antagonist und Hugh Jackman muss Doppelschicht als sein eigener Bossgegner schieben.

Fazit: „Logan“ mag auf den ersten Blick aussehen wie der Autorenfilm unter den Superhelden-Flicks, bleibt aber dann doch nur ein gut getarnter Wolvie-Slasher. Er ist trotzdem der beste der drei Wolverine-Stand-Alone-Filme, das ist ja auch was wert.

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Kurzkritiken zu The Autopsy of Jane Doe, Ghostbusters (2016)

The Autopsy of Jane Doe:
Käse with a twist. Aber trotzdem Käse. Guter Gore, aber die Dialoge sind der eigentliche Horror. Die guten Bewertungen liegen sicher auch an den Vorschusslorbeeren für Tollhunter-Regisseur André Øvredal, dessen moderner Found-Footage-Klassiker diesem Film etwas Gravierendes voraus hat: Humor.

Ghostbusters:
Auch Käse. Der weibliche Cast ist stereotyp und muss sich ziemlich blöde Chauvi-Sprüche vom Mackergeist gefallen lassen. Darf außerdem dem Assistenten anzüglich hinterher hecheln, als ob das eine positive Eigenschaft wäre, die man sich als Frau endlich auch mal gönnt. Kristen Wiig find ich großartig, die Gags dafür alles andere als geistreich, und ich kann auch keine Filme mehr sehen, die ständig und zwanghaft auf die Originale anspielen müssen, damit die „jetzige“ Generation auch wirklich kapiert, warum das früher so toll gewesen ist. Dabei lag das hauptsächlich an Bill Murrays Adlib-Exzessen.

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