Brennerpass: Bundesliga 2011/2012 (20)

Spieltag 20: Die Dynastie wankt

Nürnberg – Dortmund 0:2 (0:0)
Das ist ja ein Irrsinn, was der BVB an prominenten Ausfällen verkraften kann und trotzdem gewinnt, als wär‘ nix gewesen. Sahin, Kehl, Kagawa, Götze, Schmelzer, Subotic, Barrios (bester Wintertransfer von Dortmund nach Dortmund) und jetzt Bender, es scheint nicht den geringsten Einfluss auf die Spielstärke zu haben. Für den BVB muss überhaupt ein neues Credo erfunden werden. Es heißt nicht mehr „Der Star ist die Mannschaft“, sondern „Der Star ist der Star genau wie die Mannschaft, aber vor allem der Trainer“. Ich glaube wirklich an die architektonischen Superkräfte von Klopp und viel gewichtiger als der anstehende Reus-Transfer ist sein bis 2016 verlängerter Vertrag. Ich wette, wir sehen den Mann nicht so schnell bei Bayern, selbst wenn die sich im Sommer von Heynckes trennen. Der BVB is in it for the long run, wie man auf Englisch sagt. Ich habe ab diesem Spiel aufgehört, mich über die Dortmunder Siegesserie zu ärgern. Für mich sind sie jetzt schon der nächste verdiente Deutsche Meister, falls sie nicht mehr einbrechen. Geärgert habe ich mich nur über die Niederlage vom Glubb. Denn der hat sich nicht hinter einer trendigen Doppelviererkette versteckt, sondern war im Infight durchaus oft ebenbürtig. Erstklassige Leistung von Torwart Raphael Schäfer.

Hamburg – Bayern 1:1 (1:0)
Auf Twitter habe ich kurz nach dem Spiel geschrieben: „Die Dynastie wankt“. Die Alleinherrschaft von Bayern ist vorbei, ihre Spielweise, die Spielerpersönlichkeit über System stellt funktioniert nicht mehr gegen Mannschaften wie Dortmund, Mainz, Hannover, ja noch nicht einmal gegen Augsburg. Um ehrlich zu sein, ist die Dominanz der Bayern schon ein paar Jahre dahin, aber durch das Allround-Schwächeln der Konkurrenz hat’s keiner gemerkt. Es hat die letzten Jahre doch gereicht, eine konstant gute Rückrunde zu spielen, um Bayern die Meisterschaft abzujagen, siehe Wolfsburg und Stuttgart. Bayern wird seine Lehren auch aus dieser Saison ziehen müssen, in der sie erneut keinen Titel holen, sollte der BVB nicht vorzeitig aus dem DFB-Pokal fliegen, was zumindest mal gegen Kiel nicht sehr wahrscheinlich ist. Ich will mich nicht vorschnell auf Heynckes einschießen, aber derzeit erreicht er seine Spieler nicht. Die sind verkrampft, uninspiriert, umständlicher im Sturm als die Künstlersozialkasse in der Bearbeitung meiner Korrespondenzen, und vor allem haben sie die Hosen gestrichen voll, weil sie ahnen, dass sie nicht mehr die Stars der Liga sind. Verblassender Glanz, Gesamterschlaffung. Es war zum fünften Mal in Folge ein unansehnliches Spiel, das Bayern zwar bis zum gegnerischen Strafraum im Griff hatte, sich aber durch eine nervenzerfetzende Ideenlosigkeit in der Offensive selbst zunichte gemacht hat. Der HSV hat toll gespielt und bewiesen, dass man keine grausige Doppelviererkette installieren muss, um den Bayern Paroli zu bieten. Und wenn nicht gegen den Tabellenzwölften, gegen wen sollen die Bayern in dieser Saison denn sonst gewinnen. Der Nerlinger kann übrigens auch nichts außer langweilige Bestandsaufnahmen. Zeit für einen Honeßschen Wutanfall, nachdem der Völler so gut vorgelegt hat.

Freiburg – Bremen 2:2 (1:1)
Das neue Freiburg unter Streich kann spielen, aber noch nicht gewinnen. Der Mann liefert eine Show wie Bruce Willis draußen an der Linie. Bremen knöpft den Leverkusenern verdient den fünften Platz ab und Pizarro bleibt weiterhin der beste Stürmer der Liga. Während einer wie Gomez nur abstaubt, erarbeitet sich Pizarro fast jedes Tor und sieht immer verdammt gut dabei aus. Nicht umsonst bin ich stolzer Besitzer eines „weißen-Ballet“-Trikots von Pizarro zu seiner FCB-Zeit. Die Vorlage zu Pizarros erstem Tor war aber auch nicht ohne und stammte von Junuzovic, einem weiteren talentierten österreichischen Nationalspieler. Da braut sich was zusammen, da drüben. Der Standardsieg gegen Freiburg kam dann doch nicht zustande, wegen einer riesigen Spätnachmittagslatte von Rosenberg (auch einer der größten Chancentode unserer Zeit).

Lautern – Köln 0:1 (0:0)
Nachdem in der Presse, insbesondere der Närrischen, schon der Bossfight zwischen Solbakken und Finke ausgerufen wurde, konnte sich der FC zu einem erstaunlich konsequenten Auswärtsspiel zusammenreißen. Geholfen hat auch die rote Karte gegen einen Menschen namens Borysiuk, aber das Meisterstück war die Einwechslung von Roshi der sich nach 90 Sekunden mit seinem ersten Bundesligator bedankte.

Schalke – Mainz 1:1 (0:1)
Mit Mainz ist nicht gut Kirschen essen, seit die Mannschaft sich gefunden hat. Absolut vorhersehbarer Stolperstein für ein Schalke, das ich nach wie vor für potent genug halte, direkt in die Champions-League zu kommen, aber keineswegs um die Meisterschaft mitzuspielen. Der Neumainzer und Exdortmunder Zidane ist offensichtlich nur ein Dortmunder Doppelagent, denn mit seinem Tor hat er den Revierrivalen gleich mal um zwei Punkte abgehängt.

Wolfsburg – Gladbach 0:0 (0:0)
Da musste Gladbach seine eigene Medizin schmecken. Magath hat endlich begriffen, dass es schon längst nicht mehr ums Europageschäft geht, sondern nur noch darum, am Ende der Saison nicht als Depp der Saison dazustehen mit seiner Quote von 1,2 Transfers pro Spieltag (wenn man das umlegt). Reus hat eine wirklich erstklassige Torchance vergeben und ist damit wieder auf die Erde hinabgestiegen für eine Woche. Der in letzter Zeit himmlisch aufspielende Hanke hingegen hat eigentlich ein Tor gemacht, aber Linienrichter verdienen scheinbar an jedem Abseits eine Prämie, anders kann ich mir diese Serie an knappen Entscheidungen zu Ungunsten der Stürmer nicht mehr erklären. Hanke, einstmals die schlimmste Nominierung im 2006er WM-Team, fällt mir grade nochmals ein. Dieser Favre muss es wirklich drauf haben.

Hertha – Hannover 0:1 (0:0)
Der herzlose Fußball 2-Chancen-Kick Hannovers fordert ein weiteres Opfer, aber dieses Mal trifft es nicht die Falschen. Der Preetz zahlt jetzt die Zeche für seinen gehässigen Umgang mit Babbel. Die (endlich ablaufende) Sperre von Raffael zeigt zudem, wie abhängig die Hertha von ihm ist.

Hoffenheim – Augsburg 2:2 (1:1)
Starkes Spiel. Wenn Augsburg letztlich absteigt, dann passt auch auf sie eine englische Phrasierung: They went down fighting. Im Kicker habe ich neulich ein Interview mit dem Hopp gelesen, und der gibt freimütig zu, dass er und seine sportliche Leitung mehr oder minder 30 Mio einfach so verpulvert haben, und um der TSG eine Zukunft zu ermöglichen, müssen wieder schwarze Zahlen geschrieben werden und auf Jugendarbeit umgestellt. Klingt alles sehr solide, was der Mann erzählt. Ausserdem findet er, dass Wulff längst hätte zurücktreten müssen, während er wirklich viel von Stanislawski hält.

Leverkusen – Stuttgart 2:2 (1:1)
Stuttgarts magere Punkteausbeute mal dahin gestellt, aber das ist eine Mannschaft, die sich wehrt und sich keineswegs zu schade für den Abstiegskampf ist. Auch Leverkusen hat nicht schlecht gespielt, aber für die ist die Saison sowieso gelaufen. Wer Völlers Brandrede diese Woche gehört hat, dürfte sich gefragt haben, wie das wohl geklungen haben muss bei voller Stimmkraft und unmittelbar am vergangenen Wochenende. Aber vielleicht ist er ja deshalb so heiser. Zum Thema Ballack habe ich diese Woche nur das hier.

BRENNERPASS-TIPPSPIEL:
Ach, das scheiß Tippspiel. Hatte doch tatsächlich gedacht, das Freitagsspiel fängt erst um 20:45 an und als ich tippen wollte, lief es längst. Aber bei insgesamt zwei Punkten wars dann auch schon piepegal. Aber nicht nur ich hab auf ganzer Linie versagt, es war fast für die gesamte Tipprunde ein Desaster, ein echter Spieltag aus Murphy’s Arsch. Selbst die Tagessieger stt und der gute alte Doktor Katze hatten nur 12 Punkte.

Die Tipptabelle für den aktuellen Spieltag
Die Tipptabelle in der Gesamtübersicht

Der Brennerkurzpass auf Twitter

6 comments / Add your comment below

  1. Scheinbar hat der DFB letzte Woche den Unentschiedentag ausgerufen und nur ich und eine überschaubare Anzahl von Mannschaften haben es nicht mitbekommen.

  2. Was für ein beschissenes Sportwochenende. Bremen und Düsseldorf nehmen ihre Pflichtsiege nicht mit, die gesamte Bundesliga scheint sich über meine Ergebnistipps lustig zu machen und am Ende gewinnen die dreckigen Giants gegen lausig spielende Patriots. Ich hab keinen Bock mehr und bin raus – zumindestens bis nächsten Freitag.

  3. Sven E: Ja, es war ernüchternd. Den SB hab ich nur eine halbe Stunde lang gesehen, aber da waren die Patriots kurz mal zu zwölft (!) auf dem Feld und haben sich so um einen lebenswichtigen Fumble gebracht. Bis Freitag.

  4. Wenn in der Bundesliga niemand gewinnen will, gibt es beim Tippspiel leider auch nichts zu holen. Bayern hat jetzt einen Grund mehr sich auf die CL zu freuen; dann haben sie eine weitere Erklärung, warum Dortmund an den Samstagen besser aufgelegt ist als die Münchner. Auch wenn das alleine nicht reicht, um sich bis ins Finale zu spielen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.