Brennerpass: Bundesliga 2012 / 2013 (4)

Schalke – Bayern 0:2 (0:0)
Die meisten werden wissen, wie sehr mir die selbstverliebte Art von Marcel Reif gegen den Strich geht. Seine Rhetorik dient nicht der Information, sondern der Unterhaltung, aber eben seiner eigenen. Das vorliegende Spiel hat er aber tatsächlich mit einer angebrachten Mischung aus Sachlichkeit und Ironie abgeschmeckt und dabei auch mal mit einem guten Spruch gesalzen. Der ging in etwa so: „Wenn Schalke der Geheimfavorit auf die Meisterschaft sein soll, dann hüten sie dieses Geheimnis aber gut.“ Es mag ja sein, dass man sich gegen die Ballbesitzmanie der Bayern schwer tut, aber man muss ja nicht gleich in Ehrfurcht erstarren. Weil die Bayern dann auch nicht unbedingt Lust auf einen Hochgeschwindigkeitskick hatten, wirkte das Spiel stellenweise, als ließe man bei FIFA zwei Computergegner gegeneinander antreten. Den Bayern reichte dann eine kurze Aufwachphase, also das Gegenteil von Sekundenschlaf, um das Spiel zu entscheiden. Und auch wenn ich Kroos öfter für sein Phlegma beschimpft habe, muss ich ihm attestieren, dass er zwar immer noch so schlafmützig dreinschaut, aber dafür spielt wie ein doppelter Espresso. Gleiches gilt für Herrn Müller, der bei allem berechtigten Lob coolerweise einräumt, dass ihm gleichzeitig auch Fehler wie in der „Kreisliga“ unterlaufen. Das hat er mit einem messianischen Durchwurstler aber mehr als wett gemacht. Dass Heynckes jetzt vom Vertrauenslehrer zum Rotarier-Zuchtmeister geworden ist, mag ja durchaus seine Berechtigung haben, aber ein kreatives Spiel nach vorne zu erwarten und dabei statt Martinez Gustavo spielen zu lassen, halte ich für vermessen und da beisst sich die Rotation dann auch in den eigenen 40 Mille ärmeren Arsch.

Hamburg – Dortmund 3:2 (1:0)
Was für ein Showdown. Schon nach der Führung für Hamburg habe ich 10x auf „aktualisieren“ im Liveticker gedrückt, weil ich es nicht glauben konnte. Andererseits hat Fink mitten im größten Mediensturm recht positiv gewirkt (und zwar nicht auf die Klinsmann-Art) und seine Mannschaft gelobt. Und ich bin ja auch der Meinung, dass der Van der Vaart-Transfer eine zündende Idee war, aber hätte nicht gedacht, dass sie schon gegen den BVB zündet. Es war wundervoll, den Klopp mal richtig grantig zu sehen, und was für eine Ironie, dass die immense Siegesserie der Borussen ausgerechnet von derjenigen Mannschaft gebrochen wurde die den bisherigen Unbesiegbarkeitsrekord der Liga hält. Tolles Spiel von Son und Van der Vaart.

Leverkusen – Gladbach 1:1 (1:1)
Die Selbstfindung der Gladbacher dauert mir jetzt schon entschieden zu lange. Nach dem trostlosen Stocherfußball aus der Euroleague beider Kontrahenten hatte ich eh nicht die höchsten Erwartungen an diese Partie. „Ich bin immer Optimist, sonst ich mache diesen Job nicht“, sagt Yoda Favre und möge die Macht, diesen Millionenkader wieder in ein Spielkonzept zu zwingen mit ihm sein. Leverkusen hätte den Sieg nach fußballerischen Maßstäben zwar hochverdient, aber irgendwie langweilt mich die Werkself trotz sympathischer Protagonisten gerade. Highlight des Spiel schon nach drei Minuten: Superpräziser Pralinenpass von Arango auf Herrmann, der ebenfalls sehr ansehnlich das 0:1 einledert. Danach (wie gesagt: nach drei Minuten!) war’s dann vorbei mit den Gladbacher Torschüssen, so dass wir am Ende ein Verhältnis von 31:5 für Leverkusen haben. Zum Thema „Bundesligisten verpoofen ihre Elfmeter“ (siehe Schürrle) fällt mir schon gar keine Pointe mehr ein.

Bremen – Stuttgart 2:2 (2:0)
Mit den Hinrunden haben’s die Stuttgarter ja bekanntlich nicht so. Und jetzt kommen auch noch die agilen Bremer um den äußerst starken De Bruyne und stürmen und drängen auf drei Heimpunkte. Stuttgart ist die Tage etwas dröge in der Abwehr, aber im Prinzip ist das immer noch die Mannschaft, die in der Rückrunde 11/12 fast nach Belieben Spiele gewonnen hat. Und die haut man nicht mal eben so weg (außer man ist der FC Bayern). Stuttgart hält dagegen, dreht zwar nicht das Spiel, aber immerhin die Stimmung. Drehen sollte man auch das Trikot der Bremer, damit man das Wiesenhof-Logo nicht mehr sehen muss. Fußballfashionverbrechen des Jahres. Und hey, Cacao hat getroffen, falls ihn noch jemand kennt.

Hoffenheim – Hannover 1:1 (3:1) Live
Fußballtrainer wär kein Job für Jerry Lawler (aktuelle Wrestling-Anspielung): Erst ein Eigentor von Del Pierre und eine Minute später ein wilder Tanz von Johnson zum Ausgleich. Leck mich am Abend, wird sich der Babbel gedacht haben, so werd ich nicht alt. Dass er doch noch ein paar Jahre Lebenserwartung dranhängt, dafür sorgen Spieler wie Williams und Volland. Der Wiese-Ersatz Casteels hat seine Sache anständig gemacht, aber es ist schon brutal, dass Wiese jetzt schon Persona Non Grata ist, nachdem er völlig ohne Not den guten Tom Starke aus dem Verein verdrängt hat. Toller Hecht, der Salihovic und toller Hecht von Salihovic. H96 war müde vom vielen Eurogefighte.

Wolfsburg – Fürth 1:1 (1:1)
„Wir kommen auch nicht von der Baumschule“, ist der Spruch des Spieltages, der noch in 50 Jahren zitiert werden wird (obwohl das Eigentor ein bisschen nach Baumschule aussah). Deswegen ist der Sieger eindeutig Fürth featuring Mike Büskens, egal was die Anzeigetafel sagt. Magaths Blähkader muss um jeden Punkt hart kämpfen, dafür sind aber eigentlich Mannschaften wie Freiburg da.

Düsseldorf – Freiburg 0:0 (0:0)
Viel hat man aus diesem Spiel nicht herauslesen können und auch nicht wollen. Dass beide Mannschaften nicht gerne verlieren, war meine Erkenntnis, aber dafür bekomme ich vermutlich genauso wenig den Henry-Nannen-Preis wie Voronin den Man-Of-The-Match-Titel. Freiburg wollte es wissen, aber dann doch wieder nicht so genau, aber immerhin ist Caliguri wieder da.

Mainz – Augsburg 2:0 (2:0)
Mir tuts ein wenig leid für Markus Weinzierl den ehemaligen Trainer vom Jahn Regensburg und jetzigen Augsburg-Coach, aber Augsburg ist weit weg von dem Herzblut-Fußball der letzten Rückrunde. Mainz kommt langsam wieder in Fahrt und muss sich keine Sorgen wegen Abstieg machen.

Nürnberg – Frankfurt 1:2 (0:1)
Erstaunlich, wie Frankfurt aufgrund von Verletzungen schon in den ersten zwanzig Minuten zwei wichtige Spieler (Schwegler, Occean) verliert und in der Folge gleich noch giftiger angreift. Es hat ein bisschen der Killerinstinkt gefehlt, aber auf Dauer hat die Frankfurter Offensivwut den durchaus solide spielenden Club zermürbt, dem dieses Mal auch seine Wunderwaffe Kiyotake nix half (mehr dagegen der unermüdliche Ex-Wolfsburger Polter). Es war für einen Tag ganz amüsant, mal einen Aufsteiger an der Spitze zu sehen, vor allem wenn man weiß, dass sein Trainer ein stoischer Typ ist, der den Affenzirkus Bundesliga schon seit ein paar Jahren über hat. Für den Klassenerhalt fehlen nur noch vier Siege, das ist eine Pointe, über die selbst Armin Veh noch staunen kann.

TIPPSPIEL:
1. Joe__Public 56
2. Bisaz 55
3. iamthief 53
3. Manitsch 53
3. mq 53
3. Toizone 53
7. mek_wito 52
8. juri 52
8. Klaus 52

Die Tipptabelle für den aktuellen Spieltag
Die Tipptabelle in der Gesamtübersicht

6 comments / Add your comment below

  1. Ich verstehe deine Ungeduld bzgl. der derzeitigen Platz-Präsenz Martinez‘ völlig. Aber nachdem Uli nach der harten Nacht im P1 nach dem CL-Finale hosenlos im Vorgarten seines bescheidenen Anwesens wach wurde, vermutlich in seinem Erbrochenen, noch Wutschaum vorm Mund und tränengetränktem Gesicht, wurde ihm klar, dass ein Blankoscheck in seinem Scheckbuch fehlte. Der Füller lag noch aufgeschraubt daneben. Und dann sind sie alle losgerast um 78092 Trilliarden Euro für Spieler auszugeben, das man zwischenzeitlich dachte, Uli sei in Wahrheit Felix Magath.

    Und dann war man so ungestüm, dass man Martinez über die Köpfe anderer hinweg geteebeutelt hat. Als das aufflog, wurde er vom Training frei gestellt. Vermutlich hat der gute Martinez einfach noch ein Trainingsdefizit. Vielleicht sucht man gerade nach einer Implementierungsstrategie in der Startelf. Vielleicht wollen die Bayern-Bosse auch nur wissen, wer mit angstschweißdurchnässter Kimme schneller auf dem Platz laufen kann, seit da eine gewaltige Portion Druck auf der Bank wartet. Und ich sehe an Kroos, Schweinsteiger und Müller gerade starke Leistungskurven.

    40 Millionen hin oder her, auch nich so wichtig, dass Martinez vermutlich eine harte Sau ist beim Ledern, aber Uli hat den einen oder anderen Einkauf sicher in der oben beschrieben Szenario-Nacht beschlossen, während er sich lachend mit Sammer ein Taxi teilte und Nerlinger an der Jackenabgabe nach seiner Brieftasche im Mantel suchte.

  2. Bisaz: Gut, mehr Wrestlinganspielungen.

    Dank deinem so eindringlich geschilderten Szenario (siehe Nerlinger an der Garderobe) möchte ich mich noch ein wenig in Geduld üben, aber anmerken, dass ein Luiz Gustavo (Transfersumme 15Mio) in ein paar soliden Spielen bisher nichts zuwege gebracht hat, als gelbe Karten und ein paar unterbundene Konter. Damit hat er zwar wahrscheinlich 8-10 Tore verhindert, aber die Defensive ist ja tatsächlich schon seit einem Jahr kein Problem mehr in München.

    Das Problem ist das uninspirierte ballbesessene (im Sinne von Exorzismus-benötigend) Spiel in die Reihe vor dem Stürmer, in der es zu oft nicht zum entscheidenden letzten Pass bzw. Schuss kommt. Und dieses Spiel konserviert Luiz Gustavo und Martinez scheinbar nicht, was erste Einsätze schon gezeigt haben.

    Deshalb mein Grant, aber da er grade auf hohem Tabellenniveau stattfindet, wirkt er grundlos und eigenbrötlerisch wie von Andre-Heller kommend und wird damit zurecht von dir durch ein solches Bonmot wie deinen Kommentar ins rechte Licht gerückt. Danke Bisaz!

  3. Ich sehe eine einzige Sturmspitze auf dem Feld irgendwie auch sehr kritisch. Sicher, der Fußball findet dann gefühlt mehr im laufenden Spiel statt, aber mir scheint das total konteroptimiert zu sein.

    Spielerische Krönung im Sturm verödet und sorgt leider auch dafür, dass zwar starke Mittelfeld-Kompetenz gegen Abwehren anlaufen kann, aber vorne wird nur eingelocht oder eingeköpft. (In diesen Tagen fehlt mir irgendwie der Klose – Schlag mich nicht! – der durchaus spielen kann.

    Bayern hat im Sturm per se keine Probleme was die Spieler angeht. Aber ich frage mich, ob der Gomez in der Lage ist, neben einem Partner zu spielen und eben nicht nur auf den (ausbleibenden) finalen Pass wartet. Weißt du wie ich das meine.

    Ich hab den Martinez nur ein paar Mal auf dem platz für Bayern gesehen und muss ehrlich gestehen, dass der eine oder andere Pass von ihm schon ziemlich ordentlich war. Aber das Bayern-Stürmer-Spiel ist irgendwie nur noch das schreiende Kind an der Hand eines Mittelfeldes. Meiner Meinung nach. Ich glaube, dass Martinez derzeit entweder überhaupt nicht ins Bayern-Spiel passt oder absolut notwendig ist. Vielleicht auch beides. Weiß nicht, wie du sein Gekicke bei Bilbao schon auf dem Schirm hattest, aber ich leider überhaupt nicht. Egal wo ich suchte, ich finde nur beschissene Compilations, die ihn als Torschützen zeigen, meist musikalisch untermalt mit Scooter-ähnlichem Schranz, der Sorte Musik, die Wiese wahrscheinlich hört, wenn er sich die dritte Dose Haarwax aufträgt.

    Die Tore von Mandzukic haben mir weder Milch noch Bier aus der Nase spritzen lassen. Und auch 240 der 242 Gomez-Tore aus der letzten Saison sind einfach nur hart reingestolpert worden. Weil Mario so symphatisch ist, hat er sich dafür in der Regel selbst ein bisschen ausgelacht. Sorgenfalten waren nicht zu sehen.

    Ich glaube – aber was weiß ich schon als Laie – die Qualität des Bayernsturms (Qualität statt Qunatität) ist ein riesen Problem. Das hat teilweise was mit der einen Sturmspitze zu tun, aber auch mit dem was du sehr cool aufgeführt hast: Was zur Hölle will das Mittelfeld?

    Cheers

  4. Ja, die eine Sturmspitze und Mario, das Schmunzelmonster. Ich frage mich, ob diese Taktik nicht Leute wie Gomez überhaupt erst zur Untätigkeit verdammt und wir von den Mittelfeldspielern erwarten, dass sie Tore im Akkord erzaubern wie der Messi. Ich hatte Martinez vor dem Transfer auch überhaupt nicht auf dem Radarschirm, aber ich weiß, was ich von ihm (respektive dem Mittelfeld) will: Das Spiel SCHNELL machen, wie einst Kollege Schweinsteiger das in einer kurzen Boomperiode zwischen 2010 und 2011 getan hat. Das wäre das momentane Rezept gegen die Dortmund-Ära, solange die Bayern-Abwehr hinten hält. Und jetzt kommt das Gute an Martinez: Wenn der Sturm (das offensive Mittelfeld) wieder von sich aus die Bälle aus dem Mittelfeld holt und es mal ein Problem in der Abwehr geben könnte, oder der Schweinsteiger wieder das mit dem Schnellmachen übernimmt, kann Martinez auch ein gewissenloser Abservierer Marke Van Bommel sein. Ich denke, der Allroundgedanke ist die Bayern so teuer zu stehen gekommen, aber er kann sich auch derbe bezahlt machen.

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