Brennerpass: Das Leben der Anderen (4)

Um die Winterpause zu überbrücken, lasse ich hier Fans „anderer“ (also anders als FC Bayern) Vereine zu Wort kommen, die ihrer Leidenschaft, Sorge oder Rage freien Lauf lassen. Teil vier liefert Nordlicht, Journalist und Blogger Ole Cordsen, der mit seinen Nachrichten aus Absurdistan seit Anbeginn der Zeit dem Absurden und Kleinteiligen eine poetische Stimme verleiht. Dass er das auch mühelos bei Thema Fußball schafft, zeigt sein Lagebericht zum SV Werder Bremen, dem man eins gewiss nicht vorwerfen kann: klischeehaften Fußballphrasismus. Ich sage nur „Essig mit Wumms“ und „die Drossel rausflexen“.

Das Leben der Anderen an der Weser
von Ole Cordsen

Am Anfang war das Huhn. Das tote Huhn. Millionenfach. Das tote Huhn, das kaum je das Licht der Welt erblickt hat, eingepfercht aufwuchs, vollgestopft wurde mit Medikamenten, Wachstumspräparaten, das gemästet wurde, um dann geschlachtet und später von Messern zerschnitten, von Zähnen zernagt zu werden, und am Anfang der Saison war das Ei, das Werder sich selbst ins Nest legte, als es hohe Sympathiewerte durch den Fleischwolf drehte, indem es ausgerechnet „Wiesenhof“ zum Sponsor nahm. Selten zuvor waren sponsorlose Saisontrikots bei den eigenen Fans so begehrt wie in diesem Fall. Lieber Fischkopf als Befürworter von Geflügelmassenmord.

Ob die Sponsorwahl den Vereinsoberen sinnig schien? Weil gerade die Abwehr in der vorherigen Rückrunde bestenfalls zum aufgescheuchten Hühnerhaufen taugte, und der Sponsor Erfahrungen mit Geflügel hat? Zumindest war nicht mehr ganz so viel flatterhaftes Abwehrchaos in der Hinrunde. „Pizza“ war einmal, bedauerlicherweise. Doch wohl nur die Solarienbesitzer weinen „Florida Tim“ Wiese nach, der nun in Hoffenheim Titel gewinnt. Und einige wundern sich bis heute über das jüngste Wunder von der Weser, neun Millionen Euro für Marko Marin bekommen zu haben.

Nach langem Dümpeln in der eigenen Suppe, zaghaftem Verharren und gelähmtem Abwärtstaumeln, nun so etwas wie ein Schnitt. Ein Neuanfang. Einer, der viel verspricht und bislang noch nicht alles einlöst. Metaphernwirr könnte man sagen: Zwischen Zaubern und Zaudern, zwischen Fackeln und Wackeln schlingert die Elf, wirkt bisweilen immer noch gefangen, als müsse jemand den Bock umstoßen, den Schalter umlegen, die Drossel rausflexen, wie ein Pulverfass, das explodieren könnte, doch ist das Fass nicht ganz dicht und das Pulver wird mitunter feucht, und dann ist’s Essig mit dem Wumms.

Sitzt die erste Welle, kann Werder den Gegner an die Wand spielen, mit Pass-Staffetten ermüden, und trotzt Stürmen in guten Phasen standhafter als manches Deich-Wehr dem blanken Hans, wenn er von Böen gepeitscht hoch ans Ufer klatscht. Gerade gegen immens starke Gegner stimmt die Einstellung, das wuselige Rudel haut sich rein, hält blendend mit. Und doch. Sitzt die erste Welle nicht, werden die ersten Chancen versemmelt (häufiger), nagt die Nervosität. Die guten Phasen in der Defensive halten nur manchmal ein ganzes Spiel lang. Nicht selten pennt eine Schlafmütze, und sobald es einschlägt, schlottern die Knie, begeht das Konzept Fahnenflucht, ist er plötzlich wieder zurück, der verschollengeglaubte Hühnerhaufen. Mitunter glaubt der Trupp womöglich selbst noch nicht an das, was er eigentlich können könnte. Als dürfe man Dortmund, Schalke, Stuttgart oder Hannover nicht schlagen,trotz großer Möglichkeiten, vielleicht weil die Zeit noch nicht reif dafür ist, als müsse man noch etwas Geduld aufbringen, um gegen Bayern zu punkten, und so schenkten die Grünweißen immer wieder notlos Punkte her. Umso schlimmer gegen Augsburg, wo nichts rollte und alles von der Rolle war.

Hoffnung macht, dass die Mischung menschlich wieder zu stimmen scheint. Stinkstiefel „Florida Tim“ ist fort und hat mit „Miele“ einen schüchternen, fähigen Nachfolger. „Rosi“ gelt sich woanders die Haare. Marin, nun, Marin. Auch weg. Darf demnächst die Queens Park Rangers durch den Abstiegskampf dribbeln, vermutlich. „Boro“ brauchte eh niemand mehr. Aaron Hunt wirkt plötzlich aber, als habe er im Schlaf Kafkas „Verwandlung“ verschluckt, ist plötzlich ein ganz anderer, wobei sich sein Käfersein vor allem darin zeigt, dass er läuft und läuft und läuft – und zudem schlaue Pässe spielt und wieder trifft. Im neuen Aufwind erblüht auch Junuzovic zu knackiger Schläue, der geläuterte Vollproll Astronautovic rackert, kämpft und wuselt plötzlich voller Elan, zumindest meistens, als habe er plötzlich Lust, und der belgische Milchbubi, das verkannte Werbegesicht für Kinderschokolade, lässt zumindest schon aufblitzen, welch brillantes Kind er ist. Und im Sturm kommt Petersen, den ich mir schon vor zweieinhalb Jahren an der Weser gewünscht hatte, an und dreht allmählich auf.

Was bleibt, was kommt? Werder, die Wundertüte der Liga, könnte, wenn der Knoten platzt, so manchen Gegner vom Rasen fegen, durchs Mittelfeld der Liga aufwärts pflügen und womöglich sogar die internationalen Ränge angreifen. Es könnte aber auch völlig anders kommen, dann, wenn die Elf sich nicht von den Fesseln des Nichtzutrauens befreit, unter Druck wieder zum Hühnerhaufen wird – der, von dem man hoffte, dass er sich nur noch auf dem Trikot fände, als Sponsoraufdruck, auf den viele Fans gern verzichten.

>> Das Leben der Anderen (1) – Eintracht Frankfurt
>> Das Leben der Anderen (2) – Hertha BSC Berlin
>> Das Leben der Anderen (3) – Spielvereinigung Greuther Fürth

3 comments / Add your comment below

  1. Es lag am Sponsor, klarer Fall von Karma. Ein Highlight der Vorrunde waren die Chöre in Hoffenheim bei der Begegnung gegen Werder: „Zwei-te Li-Ga, Wiese ist dabei.

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