Brennerpass: Bundesliga 2011/2012 (18)

Spieltag 18: Koan Alleingang

Gladbach – Bayern 3:1 (2:0)
Ich hab’s kommen sehen. Als die ersten Stimmen aus dem Trainingslager der Bayern laut wurden, die von der besten Vorbereitung aller Zeiten sprachen. Als die harmonischen Interviews mit Robben und Gomez zum Thema Vertragsverlängerungen begannen, wo wieder alle betonten, wie wohl sie sich doch in München fühlen und wie nah man an Barcelona dran sei, also vom Fußball nicht von den Kilometern her. Und als Krönung die weltumarmende Stimmung bei Uli Hoeneß‘ Sechzigstem. Da war mir spätestens klar, dass der Verein die Situation um die Meisterschaft völlig verkennt. Man könne sich sowieso nur noch selbst schlagen mit diesem Kader, so der Konsens. Dabei hat man offensichtlich vergessen, dass Bayern in der Hinrunde mehr Spiele verloren hat als unter einem gewissen Herrn Van Gaal in der Vorsaison. Vergessen, dass es da nicht nur den BVB gibt, dem man gnädigerweise eine Verfolgerrolle gestattet. Dass man absolut verdient gegen Mainz, Hannover, Dortmund und zweimal Gladbach verloren hat und deswegen de facto gar nicht der Ligaprimus sein kann, den einem die Medien unterjubeln. In Wahrheit sind die Bayern ein Mitfavorit auf die Meisterschaft, mehr nicht. Natürlich hätte das Spiel anders ausgehen können, wenn sich Neuer nicht die unglaublichste Eumelei seit seinem Patzer im Freundschaftsspiel der Nationalelf gegen Argentinien geleistet hätte. Wahrscheinlich glaubt er mittlerweile selbst an die Mär vom brillianten Feldspieler Neuer. Ich bin derzeit ja nicht so gut auf Jupp Heynckes zu sprechen, weil er die Mannschaft genauso mies wie sein Vorgänger auf den berechnenden Konterfußball einstellt, den man neuerdings gegen die Bayern spielt, aber eins hat er ganz richtig erkannt: Ein Torwart sollte zunächst den Ball sichern und dann erst nach vorne spielen. Zu überdreht sei der Manuel in dieser Hinsicht, hat er gesagt. Man könnte es auch Nervosität nennen, eine Nervosität wegen der man letzte Saison den Thomas Kraft auf die Bank gesetzt hat, für einen wesentlich geringeren Fehler gegen Nürnberg. Betrachtet man das gesamte Spiel hat sich der Rest der Mannschaft aber auch nicht viel konzentrierter als der Neuer verhalten. Es war ein verzweifeltes Revival des guten alten Ballverlustfußballs aus der Vorsaison. Am Rande noch die Erkenntnis, dass ein Ribery derzeit unverzichtbar ist, ein Robben dagegen eher unangenehm auffällt. Jetzt aber zu Gladbach. Welcher Idiot hat denn ernsthaft geglaubt, dass die Borussen jetzt auseinander fallen nach dem Reus-Transfer und dem kommenden Abgang von Neustädter? Ist doch sonnenklar, dass die jetzt erst recht beweisen wollen, dass sie kein Zufallsprodukt sind. Den Ehrgeiz hat der Favre und den Ehrgeiz hat vor allem Reus, der es den Bayern ordentlich besorgt hat. Zurecht besorgt, weil der Verein und auch wir Fans uns nicht gerade als faire Verlierer erwiesen haben, als der Transfer bekannt wurde. Herunter gespielt haben wir die Situation und den Reus schlecht geredet. Man wird immer noch sehen müssen, wie der Mann sich entwickelt, aber vorerst hat er uns das Maul gestopft und mit Herrmann schon seinen potenziellen Nachfolger in den Startlöchern. Gladbach hat gespielt wie der Terminator. Maschinell, hart, aber irgendwie auch herzlich und voll im Dienst einer höheren Sache, der Meisterschaft. Ach so, der schlechte Platz war schuld, hör ich grade den Herrn Schweinsteiger sagen.

Hamburg – Dortmund 1:5 (0:2)
So geht man in ein wichtiges Spiel. Hochmotiviert und flexibel. Das war meisterlicher Fußball, der von einem meisterlichen Trainer verordnet wurde und der es fast jeden Spieltag vom Reißbrett hinüber auf den Platz schafft. Hamburg hat sich nur kurz aufgelehnt und wäre Guerrero nicht ein so unsäglich unzuverlässiger Stürmer, hätten die Hamburger vielleicht noch eine halbe Stunde länger im Rennen bleiben können. Am Ende gibt der Kader nicht mehr her als eine deutliche Niederlage gegen den derzeit Bundesligabesten, vor allem im Sturm muss was passieren, weil Petric schon mit einem halben Fuß bei einem anderen Verein ist, während Guerrero mit einem halben Hirn nicht einmal das leere Tor trifft. Auch Töre hat schmerzlichst gefehlt. Würde man jetzt die Form der Dortmunder einfrieren und über jedes weitere Spiel bis zum Saisonende konservieren, hätten wir unseren Deutschen Meister, selbst ohne Götze.

Leverkusen – Mainz 3:2 (2:0)
Für Dutt ist das ein Endspiel gewesen, auch wenn das keiner zugeben will. Sein exzellenter Kader hat ihm den Hals gerettet, aber langfristig muss Leverkusen weiter in der Champions League spielen, um diesen Luxuskader zu finanzieren, das sagt auch der bräsige Holzhäuser, und ich bin mir nicht sicher, ob man da mit Dutt auf den richtigen Gaul setzt, auch wenn er mittlerweile deutlich weniger panisch wirkt. Apropos panisch, Tuchels Veitstänze an der Linie kann ich auch nicht mehr sehen, obwohl er dieses Mal nicht zu Unrecht mit Schaum vorm Mund vom Platz gestürmt ist. Der nicht gegebene Elfer für das Foul an Szalai war spielentscheidend.

Kaiserslautern – Bremen 0:0 (0:0)
Da war kein großer Unterschied zwischen Abstiegskandidat und Europaaspirant zu erkennen. Lautern hat die Ärmel hochgekrempelt und schaut am Ende trotz besserer Chancen dumm aus der Wäsche. Bremen wird auch in der kommenden Saison nicht in der Championsleague spielen, aber da erzähle ich sicher am allerwenigsten der Bremer Vereinsführung etwas Neues. Zumal mit Prödls Splatterszene jetzt auch noch der nächste Verteidiger ausgeknockt ist. Und man muss kein Statistiker sein um zu beurteilen, was das für eine der löchrigsten Abwehrreihen der Liga bedeutet, nachdem sich auch Naldo nach einem kurzen Gastspiel schon wieder in den Krankenstand verabschiedet hat. Kouhemaha hat derzeit sicher schon das erste Drehbuch für einen Direct-To-DVD-Slasher auf dem Tisch liegen.

Freiburg – Augsburg 1:0 (0:0)
Sieht so aus, als hätte der neue Freiburger Coach Streich den noch nicht gefeuerten Spielern Überlebenswille beigebracht. Das ist aber auch schon das einzig Gute, was ich über den SC sagen kann. Bei Augsburg hatte man übrigens noch von Verstärkungen in der Winterpause geredet, vor allem, um der ewigen Torlosigkeit beizukommen. Aber vielleicht hat sich Augsburg auch schon mit einer Ehren(rück)runde abgefunden, bevor es wieder in die deutlich weniger deprimierende Zweitklassigkeit geht, was die Erfolgserlebnisse betrifft.

Hoffenheim – Hannover 0:0 (0:0)
Hannover kann relativ wenig für seine Blässe, da fehlen ja an die acht Stammspieler, aber Hoffenheim muss sich schon die Frage gefallen lassen, was das lustlose Gekicke sollte und warum man eigentlich unbedingt Obasi verleihen musste und Sigurdsson abgeben, wenn man stattdessen den Kader mit Jugendspielern auffüllt, die dann aber nicht spielen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Stanislawski sicher ist, was er da tut. Vielleicht sind die da im Kraichgau aber nicht halb so nervös wie wir Fußballschreiber, weil sie einfach nur die Klasse halten wollen und nebenbei ein bisschen Geld sparen. Diese Vermutung ließen ja schon die letztjährigen Winterabgänge von Gustavo und Eduardo zu.

Schalke – Stuttgart 3:1 (1:0)
Eine adrenalinhaltige Frische bei Schalke, als hätte man eine Cola Mentos (gibt’s das schon als Geschmacksrichtung?) über den Platz gegossen. Mit diesem Schwungfußball und Protagonisten wie Raul, Huntelaar und Holtby sind sie in der Hinrunde zu meiner zweiten Lieblingsmannschaft geworden und das war der direkte Aufstieg aus meiner Hassliga. Ja, Schalke 2012 kann was: Ein attraktives Ensemble verschiedenster Fußballertypen, endlich gefordert und gefördert von einem alten Knurrer, der im Spätherbst seiner Karriere gelernt hat, die Dinge etwas unverbissener angehen zu lassen. Und das erste Mal in seinem Leben so wirkt, als hätte er Spaß an seinem Beruf. Für Labbadia und den VfB wird das allerdings noch eine sehr lange Saison werden. Ein Wort noch zum falsch entschiedenen Abseitstor von Huntelaar in der ersten Halbzeit: Im Zweifel für den Angreifer. Entweder man tätowiert den dauernervösen Linienrichtern das auf die Fingerknöchel oder man lässt endlich den Videobeweis zu. Wenn manche sagen, dass so etwas den Fußball spannender macht, dann sind sie zynisch, denn es macht ihn nur ungerecht. Gute Besserung an den Neubayern Höwedes. Das Foul war quasi ein Schlag ins Gesicht.

Wolfsburg – Köln 1:0 (0:0)
Kein unverdienter Sieg für die Wölfe und ihren Schinderhannes und Flo(transfer)markt-Experte Magath. Lustig nur, dass ausgerechnet das einzige Eigengewächs, der kleine Polter, für den Siegtreffer sorgte. Ich sags ungern, aber mit Wolfsburg muss man wieder rechnen. Im Tabellenmittelfeld.

Nürnberg – Hertha 2:0 (1:0)
Schön war an dem Spiel nur das Ergebnis. Meine Häme gegenüber Skibbe hält sich in Grenzen, weil er im Prinzip ein ehrlich Typ ist und wie er so selbstlos erzählt, was der Babbel für gute Arbeit geleistet hat und dass er ihn gerne erreichen würde, aber nicht zurückgerufen wird, das fand ich nicht unsympathisch. Meine Häme gegenüber Preetz ist allerdings grenzenlos. Faszinierend wie Hecking aus seinem Lazarett in letzter Sekunde doch noch eine Mannschaft gemacht hat, die den Abstiegskampf vorerst hinter sich gelassen hat.

BRENNERPASS-TIPPSPIEL:
Die Rückrunde hat auch im Tippspiel angefangen und als Tagesbeste haben sich mit MaraDonner, Saunabiber und meiner Wenigkeit mal nicht die üblichen Verdächtigen bewährt. Doch für die Cheftipper benchman und stt reichen auch gute bis mediokre Leistungen, um die Tabellenführung unter sich aufzuteilen. Und zwar noch eine ganze Weile.

Die Tipptabelle für den aktuellen Spieltag
Die Tipptabelle in der Gesamtübersicht

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6 comments / Add your comment below

  1. Ein wunderbarer Rückrundenauftakt. Die FCB-Fans haben natürlich ein hartes Los, denn nicht nur die Gladbach-Fans feierten das Ergebnis als hätte der eigene Lieblingsverein die Meisterschaft gewonnen. Besser kann es für die Borussen ja kaum noch laufen, effizienter kaum spielen. Fehlt nur noch, dass Mike Hanke Tore schießt.

    Schalke war auch schön anzusehen. Der Dortmunder Sieg wäre vermutlich interessanter gewesen, wenn da auch elf Gegner im Volksparks-, ich meine in der AOL-, nein, HSH Nordba-, wartet, Imtech Arena gewesen wären. Immerhin hat Lewandowski zwei Buden gemacht. Mainz hat tatsächlich in der zweiten Hälfte die im Rückenrundenpass angesprochene Auswärtsstärke durchblitzen lassen. Leverkusen sollten sich diesen häufig minutenlang andauernden Sekundenschlaf abgewöhnen. Ärgerlich, dass ich Caligiuri nicht aufgestellt habe, aber Bender hat ja auch verwandelt.

    Wenn Lautern so weiterspielt, dürfen sie auch in der Bundesliga bleiben. Das war ein wirklich tolles Spiel. Trotzdem geht das Ergebnis meiner Meinung nach in Ordnung. Bremen hatte die meisten Abschlüsse im Angriff, Lautern, vor allem auch in der zweiten Hälfte, klar mehr Großchancen, Bremen wurde ein Frei- und ein Strafstoß verweigert. Ulkig auch, dass Lautern offensiv gut gespielt hat und Bremen solide verteidigte. Hätte ich eher umgekehrt erwartet. Genesungswünsche gehen natürlich an Prödl.

    Die anderen Partien kann ich nicht beurteilen, da ich noch nicht einmal Zusammenfassungen gesehen habe.

  2. Sven E.: Dafür hast du das Bremenspiel deutlich aufmerksamer verfolgt als ich. Ich fands zerfahren. Die Mainzer sind wirklich die Pechvögel der Saison. Immer so nah dran und am Ende doch so weit weg. Trotzdem sind sie ein Gegner, den man in der Form der zweiten Halbzeit erst einmal schlagen muss. Ich will da Leverkusen dieses Mal nicht zuviel ankreiden. Die Hamburger waren anfangs nicht so übel wie jetzt viele tun. Der Kader ist an sich nicht konkurrenzfähig. Der Sportbild-Chef hat heute bei Sky90 dermaßen brutal seinen Unmut über Arnesen geäussert, dass ich schon seine Mailbox blinken seh.

  3. stt: Klar. Deshalb auch der Anschiss von mir in so einer Vehemenz. Wenn sogar der Burnster sauer ist, dann müssen wir echt an der Einstellung arbeiten, werden die sich denken.

  4. Von Neuers faux Pass mal abgesehn, wurden die Bayern doch klassisch ausgekontert, wunderbar z.B: das dritte Tor.
    Ja, die Hertha, kann sein, dass es die noch derpreetzt.

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