Brennerpass: Euro 2012 (18)

HALBFINALE: Deutschland – Italien 1 : 2 (0:2)

Natürlich bin ich unglücklich, dass die Deutschen raus sind, aber mit der Enttäuschung vom CL-Finale ist das nicht zu vergleichen. Denn im Gegensatz zu Chelsea hat hier die deutlich bessere, die coolere Mannschaft gewonnen. Die Italiener haben sich was getraut, waren unkonventionell, leidenschaftlich, fair und hatten trotzdem sowas wie ein System (zumindest bis auf ihren Sturm). Prandelli hat dem italienischen Fußball einen neuen humanistischeren Geist eingehaucht, und man kann gar nicht hoch genug einschätzen, was das für eine Leistung ist nach den Jahren schlechter Schauspielerei und hemmungsloser Defensivorgien. Von den Wettschweinereien mal ganz abgesehen.

Die Deutschen hatten natürlich auch eine Menge Pech, denn hätte Hummels in der fünften Minute das Tor gemacht, oder wäre der Reus-Freistoß reingegangen, wäre das Spiel vielleicht anders verlaufen. Stattdessen macht er den Riesenschnitzer vor Cassano, der auf Balotelli flankt, der Badstuber beim Kopfballduell um drei Stockwerke überragt. Dann vom selben Interpreten noch dieser übernatürliche Strich nach einem grandiosen Konter, und mir war klar, dass hier Feierabend ist mit dem deutschen sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen. Vielleicht haben sich die bis dato so erfolgreichen schwarzmagischen Wechselspiele von Löw jetzt doch gerächt, denn eingespielt wirkten die Deutschen heute nicht. Der angeblich fitte Schweinsteiger hat das Spiel zudem eher gelähmt als belebt und Podolski war ein Hindernis für den Spielfluss. Marco Reus‘ Einwechslung brachte dann den notwendigen Schwung, aber da war es wahrscheinlich schon zu spät. Und auch wenn die ausländische Presse teilweise anders urteilte, hat auch Özil bei der EM nie richtig Betriebstemperatur erreicht. Die Gewinner des deutschen Kaders sind eindeutig Hummels, Khedira und Reus, aber es war auch niemand richtig schlecht, muss man fairerweise sagen. Diese Mannschaft hat nicht die letzte feurige Hingabe und auch nicht die Coolness, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob so ein Brennen überhaupt zum Charakter der Mannschaft passt. Vielleicht ist sie einfach, wie sie ist, und das ist ja in der Summe dann immer noch klasse. Es gibt eben jetzt wieder zwei europäische Mannschaften die besser sind als die Deutschen. Für die WM muss der Kaiser nochmals auf die Trainerbank, der kann dann die taktischen Früchte ernten und mit seinem Hochleistungskarma das hinbiegen, was Löw zu Lebzeiten nicht erreichen konnte.

TIPPSPIEL:
Herzschlagfinale am Sonntag auch bei unserer Tipprunde.

1. feinschmeckerle 53
2. Nathalie 52
3. lartdevivre_eu 51
4. dirksteins 50
4. Kaal 50
6. therealstief 48
7. lunchforone 47
8. Sabina 47
9. Irmama50 46
10. snorkel 45

11 comments / Add your comment below

  1. Man könnte jetzt das Festival der Konjunktive bemühen. Zu Beginn fehlten Zentimeter, zweimal, und die psychologische Achterbahn hätte zu unseren Gunsten Fahrt aufnehmen können. Auch wenn schon da aufschimmerte, dass es diesmal ein wackliges Zutrauen war, das Glück sich zierte. Und wer weiß, ob andere Personalentscheidungen mehr Erfolg gebracht hätten? Reus hätte ich gern häufiger von Beginn an gesehen – für mich der absolute Gewinner im deutschen Team (neben Hummels, auch wenn der Bock vor Ballotellis erstem Tor schade und ärgerlich war) und eine große Bereicherung. Auch Khedira: großes Kino. Ich fand ihn lange ja eher leicht überschätzt, blass, bei aller Solidität, aber bei diesem Turnier war er ein Kracher und für mich neben Reus (der ja wenig Gelegenheit hatte, sich länger ins Bild zu spielen) der beste Mittelfeldspieler.

    Einigen Bayern-Spielern, allen voran Schweinsteiger, möchte man Sonderurlaub gönnen. Irgendwohin, wo es schön ist, wo sie den Glauben an ihre besonderen Fähigkeiten wiedergewinnen können, wo sie neue Kraft tanken und Zuversicht gewinnen können. Gerade bei Schweini wirkte es heute, als sei er vom unbändigen Willen blockiert, während die Physis bei allem Vertrauen in die mentale Präsenz auf klapprigen Beinen daherkam. Nach drei knappen aber herben Enttäuschungen missriet das Aufbegehren gegen das miese Finish-Karma einer an sich hoch respektablen Saison. Auch Poldi hat – seiner wuchtigen Bude gegen die Dänen zum Trotz – zuletzt eher gehemmt gewirkt. Er hat zwar als jüngster Spieler die 100 Länderspiele vollgemacht, zuletzt aber häufiger so agiert, dass es wirkt, als könnte sich ein Wachwechsel anbahnen. Vielleicht tut ihm der Wechsel in die Premier League ja gut. Ich wünsch es ihm.

    Auch bei Özil geb ich Dir völlig recht. So beachtlich sich der Junge gemacht hat, und so grandioses Potenzial er mit sich bringt, so wenig gut tut ihm womöglich, welch Allheilfähigkeiten ihm mitunter zugeschrieben werden, womit eine Erwartungshaltung gewachsen ist, die nichts unterhalb genialer Pässe mehr akzeptabel findet, und gegenüber der der zarte Filigrane womöglich in Teilen überfordert und von der er erdrückt ist.

    In zahlreichen Phasen des Spiels fehlte mir heute der letzte Biss, die Lust am zackigen Zirkeln und Zerlegen, die Gier, die Bewegung zum Ball. Womöglich fehlte auch nur ein wenig Glück. Konjunktive und so. Dass die Jungs es famos können, haben sie x-fach bewiesen. Und Italien hat gezeigt, dass die Squadra Azurra hochverdient im Finale ist. Nicht nur, dass sie nicht mehr Beton des Todes anrühren. Es fehlte diesmal auch das unsäglich Theatralische, abgewichst Hinterfotzige, dass mir in der Vergangenheit oft den Kamm schwellen ließ. Tolle Pässe – fast anachronistisch mit geschmeidigen langen Pässen und variablem Spiel, vorn mit zwei vogelwilden, sympathischen Irren, die gnadenlos gut sind…

    Ich finde, man kann hochzufrieden mit dem Turnier sein. Wenn es Jogi jetzt noch gelingt, über spielerische Brillanz hinaus den letzten Funken Gier, ein wenig gnadenlose Siegermentalität hineinzutrainieren (als ob das ginge), mit Hilfe derer nicht nur das Gros der Spiele toll gewonnen wird, sondern auch in den entscheidenden Momenten die Cleverness abrufbar ist, dann kann noch sehr Großes gelingen. Womöglich passt das (noch) nicht zum Charakter der Mannschaft, und dann macht sie immer noch einen wunderbaren Job, womöglich wächst sie aber ja auch noch und entwickelt sich weiter. Ich freu mich auf das, was da noch kommen mag.

  2. Ole: In einem Punkt muss ich widersprechen. Man kann nicht hochzufrieden sein, wenn man das dritte Mal in Folge in einem entscheidenden Spiel dem Druck nicht standhält. Denn am Ende hat diese Generation nichts erreicht außer Halbfinale und dritte Plätze. Das ist historisch einen Scheißdreck wert. Fußball ist Gewinnen, alles andere ist Schönreden. Wer wird sich in 10 Jahren noch erinnern, wie beschissen Chelsea gespielt hat. Aber der Willen und der Geist dieser Mannschaft bleiben bewahrt. Die Bayernverlierer allen voran Schweinsteiger und Müller sollten ein halbes Jahr Auszeit nehmen. Die sind ja wie Geister.

  3. Wenn Kroos als dritter Defensivspieler im zentralen Mittelfeld gebracht wird, muss Özil raus. Ich kann diesen Versuch ohnehin nicht nachvollziehen. Jedesmal, wenn Deutschland gegen einen Angstgegner antritt, ziehen wir uns in eine schwache Defensivhaltung zurück. Jetzt dieser Schwachsinn einer Triple-Sechs, mit der wir auf den Außen nicht nur offensiv quasi unbesetzt waren. Man kann doch nicht gegen intelligent verteidigende Italiener mit vier bis fünf Mann durch die Mitte rennen wollen. Dabei haben wir so viele exzellente Flügelspieler… Und das Schlimmste: Die Spanier werden das Sonntag noch mal versuchen, nur noch viel kontrollierter und langsamer, weshalb ich ein Spiel erwarte, dass bewegungsloser sein wird als das Finale im Pfahlsitzen. Ich kozze ab, mit zwei Zett.

    „Abschließend lässt sich für mich nur festhalten, dass der Fußball dieses Jahr vom Rückrundenstart bis zum Finale Dahoam fast ausschließlich von Frustration geprägt war. […] Die EM und die nächste Saison können eigentlich nur besser werden.“ schrieb ich am 21. Mai. Wieviele wirklich schöne Spiele, auch gerne ohne deutsche Beteiligung, haben wir gesehen? Ach…

  4. Sven E.: Die Lösung mit Kroos kam mir zunächst auch spanisch (!) vor, allerdings weiß man ja nicht, was die sich im Training da ausklamüsert haben. Es fühlt sich aber so an, als habe sich Löw ein bisschen an seinem eigenen glücklichen Händchen berauscht. Und ja, seit der Rückrunde hatte man als Bayernfan nicht unbedingt die beste Zeit seines Lebens. Leider habe ich das Gefühl, dass es nächste Saison erneut lange Gesichter geben wird – das sagt mir schon diese Kraut-und-Rüben-Transferpolitik, die gerade betrieben wird. Hoffentlich täusch‘ ich mich.

  5. das erste mal das ich italien die daumen drück, dieses mal haben sie einfach mehr oder weniger fair gewonnen.
    Und spanien gönn ich es schonmal gar nicht mit ihrem eckelhaften ballbesitz verwaltungs 1:0 erfolgs fußball^^

  6. Klar haste recht, nicht gewinnen ist’n Scheiß, und das „hochzufrieden“ ist vielleicht auch übermüdetem Sanftmut geschuldet. Mit Blick auf die Mannschaft, die aber in Teilen direkt vom Geisterschiff LeChucks gewankt zu sein scheint, ist das Erreichte – bei allem Ärger darüber, dass das nix zählt und bringt – schon der ein oder anderen Ehre wert, finde ich. Wär bei allem nur stark, wenn dies an sich starke Team auch mal nen starken Titel mitbringt und nicht nur Preise der Herzen.

  7. fanbjojoboi: word.

    Ole: Haha! Diesen „übermüdeten Sanftmut“ hätt‘ ich auch beinahe walten lassen nach dem Spiel. Das ist ja auch eine gute Elder-Statemen-Qualität, aber wird der Sache nicht ganz gerecht. Die Mannschaft war einfach exakt gut genug fürs Halbfinale und nicht für mehr, so sehr ich mir mehr gewünscht hätte.

  8. Ich war für 3 Wochen in den Schluchten der Cevennen verschwunden, ohne Internetz,
    aber mit der Möglichkeit zum Tellerwischen schaun.
    Daher muss ich die Kommentare alle erst noch durchlesen.
    Am Donnerstag wurden am Campingplatz Tipps zum Spiel abgegeben,
    ausnahmslos alle, Engländer, Holländer, Schwitzer die Deutschen natürlich, haben auf Sieg für Deutschland getippt und ich: 1:2! und hab prompt eine Dose Perrier gewonnen.
    Von den Italienern bin ich seit dem Englandspiel total überzeugt.
    Kein mauern früherer Jahre und nie das Tempo aus dem Spiel genommen, ein tolles Spiel, bei dem nur die Tore fehlten.
    Zum Donnerstagsspiel:
    Der Poldi, oh je der Gomez dito, übern Schweinsteiger schweigt man lieber und der Müller hat seine Unbekümmertheit verloren, der rennt ja Hoserwüld ( Hasenwild ) auf dem Platz umanand.
    Soviel für jetzt, muss mich um meinen Enkel kümmern, der hat die größte Freude, dass sein Opa wieder da ist.

  9. Hättest du bei den bekannten Wettfirmen getippt (bet & win etc), hättest du deinen Einsatz verzwölffacht. Also zwölf Dosen Perrier. Enkel ist eh wichtiger. Und schön, dass dich die Wildnis unbeschadet (bis auf die Dose Perrier) wieder hergegeben hat, Fuxbeck!

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