Brennerpass WM-Studio 2014 (16)

Brasilien – Chile i.E. 3:2
Kolumbien – Uruguay 2:0 (1:0)

Klar, die Stimmung war endspielrassig, das fing schon beim Wettsingen der Nationalhymnen an. Und es war ein Kampf ohne Mundschutz und ein Herzschlag-Elfmeterschießen. Aber auch ein Spiel mit Stockfehlern bis der Tropenarzt kommt und der nur halbverdiente Sieger der Partie hat zerfahrener gespielt als der Tempelhofer Damm. Aber ganz ruhig, Burnster, und von ganz vorne:

Ich mag die Brasilianer bei dieser WM nicht. Sie sind ein blasierter Haufen von Haarextremisten und Egomanen, die sich tatsächlich nur von der Stimmung der Menge und der Selbstbegeisterung durchs Turnier tragen lassen. Ihr einziges in der regulären Spielzeit erzieltes Tor ist ein Eigentor, aber weil er so eine geile Frisur hat, verbucht Tingeltangel-Söldner Luiz den Treffer halt einfach mal auf sich. Dann der Hulk: Sein Engagement, seine unendliche Laufbereitschaft und sein Körpereinsatz (Hulk smash!) in allen Ehren, aber er verschuldet auch den Ausgleich und schwalbt kurze Zeit später einen auf, dass selbst es einem Fred die Schamesröte um den Latino-Cop-Schnörres getrieben hätte. Es ist schon gut, dass Brasilien diesen Hurra-Fußball spielt, denn allein mit Chiles Sparvariante wäre kein so manisches Spiel zustande gekommen, aber es ist auch anstrengend, sich 120 Minuten lang einen Ballverlust nach dem anderen anschauen zu müssen. Pep Guardiola hat sicher Cortison bekommen, um solche Spiele vor dem Fernseher durchzustehen.

Im Prinzip geben die beiden Teams in der ersten Halbzeit schon alles, danach verebbt das Spiel mit jeder Minute mehr, wird vom Wadenbiss zum Wadenkrampf, aber auch das ist faszinierend anzuschauen, ad exmemplum Medel. Hulk gibt weiterhin wirklich alles, aber der Chilenische Torwart Bravo noch ein bisschen mehr. Und das obwohl er kurz vor Schluss die Hacke von dem Bauer Jo in die Frontale bekommt. Als dann aber in buchstäblicher letzter Minute der regulären Spielzeit Pinillas den Ball an die Latte und damit ganz knapp neben den Sargnagel für Brasilien hämmert, ist mir klar, dass Chiles Karma aufgebraucht ist. Ich hab also ohnehin schwarz fürs Elfmeterschießen gesehen, allerdings nicht so schwarz, um zu ahnen, dass Chile beinahe jeden Elfer versiebt. For fuck’s sake, Chile, das Tor ist im Prinzip zu 80 Prozent leer, ihr müsst nur hineinschießen.

Fazit: bei Gott kein Spiel für Feingeister, eher ein Expendables als ein Snowpiercer. Brasiliens WM-Aus will ich gar nicht prognostizieren, auf so einer Dusel- und Willenswelle kann man weit reiten. Allerdings muss ich mich bei der Menge an fußballerischer Blackouts schon fragen, warum man nicht mal Dante eine Chance gibt. Selbst Rafinha wäre in diesem Kader eher positiv aufgefallen, man schaue sich nur den Elfmeter von Willian an.

Das zweite Achtelfinale war freilich weniger spektakulär, aber angenehm wohlerzogen, taktisch und filigran in den beiden Abschlüssen. Genau das Richtige zum Runterkommen nach so einem Nervenfetzer. Und genau das Richtige für ein klar definiertes Rausfliegen für Uruguay ohne Schiedsrichter-Fauxpas. Die Urus werden sich sicher dennoch eine Fortsetzung ihrer Verschwörungstheorien wegen der Suarez-Sperre daraus knüpfen und den Papst fragen, ob er Suarez nicht als St. Mordicus heilig sprechen kann, aber die wirklich gerechte Bestrafung war eben, mit dem drucklosen Rumpelfußball aus der ersten Hälfte gegen James, die Ordnung und den Teamgeist Kolumbiens unterzugehen.

Und natürlich hat Suarez gefehlt, sein Ersatz Forlan wirkte schon beim Einlaufen ziemlich forlorn (englisch für „aussichtslos“), standen seine Teamkollegen lustlos in der eigenen Hälfte herum, als spekulierten sie auf eine Entscheidung im Elfmeterschießen. Kolumbien hat sich genau darauf vorbereitet und immer wieder in die hellblaue Defensive gepiekst, ohne die eigene Ordnung zu vernachlässigen. Mit James Rodriguez‘ 1:0, dem schönsten Tor des Turniers, ist das Konzept der Urus geplatzt und das supersahnig herausgespielte 2:0 war dann ein Gegentor zuviel, so dass ihr kopfloses Anrennen in der zweiten Halbzeit a) nicht mehr langte und b) am kolumbianischen Torhüter Ospina scheiterte. Wer hätte noch vor zwei Wochen gesagt, dass bei einem Viertelfinale Brasilien – Kolumbien kein Favorit auszumachen sei und Neymar nicht der begehrteste Spieler auf dem Platz?

In other news: Die FIFA zeigt keine Flitzer und hat damit schon manchem Spiel die rasanteste Szene auf dem Platz unterschlagen. Und dann tut es mir leid, euch das vor dem USA-Spiel vorenthalten zu haben, habs selbst grade erst gesehen.

6 comments / Add your comment below

  1. Den Hogans ihr Hulk total verstrahlt, da müssen härtere chemische Kampfstoffe als Cortison im Spiel gewesen sein. Haben diese Typen eigentlich ständig Pitches bei Kreativagenturen laufen, die ausschließlich damit beschäftigt sind, sich krass peinlichen Scheiss auszudenken, um die Medienmühle am laufen zu halten?

  2. Ich hab langsam auch diese brasilianische Truppe satt. Eine Versammlung von Laienschauspielern, die so unsympathisch rüberkommt, wie Fußpilz im Freibad.
    Wie die von den Schiris mit „Fingerspitzen“ angefasst werden, ist schon nicht mehr weg zu diskutieren. Gegen diesen Tritt mit gestrecktem Fuß im Strafraum (mit Ansage) gegen Carlos Bravo wirkt ja die Beißattacke eines Suarez wie das Vorspiel eines 13-jährigen Teenagers. Die Chilenen hätten es weit mehr verdient gehabt, um ins Viertelfinale einzuziehen. Aber nach dieser Elfmeterleistung von englischen Ausmaßen, da bleibt mir die Spucke weg. Hehe, ich will ja nicht von früher schwärmen; aber es gab mal Zeiten, da schossen die Brasilianer aus dem Stand oder höchstens mit 1 Schritt Anlauf den Ball so sicher ins Tor und jetzt? Als der Hulk zum Elfmeter antrat, dachte ich mir „Jetzt fällt nicht nur ein Tor, es fällt sogar um; in Stücke geschossen.“ Und dann? Nix. Der Hulk fällt ja sowieso schneller um, als eine Pappfigur bei Windstärke 10. Beim letzten Elfmeter hat es grad noch gefehlt und der Neymar wäre vom Anstoßpunkt aus losgelaufen und hätte noch fünfmal mehr verzögert. Nein ich mag diese Brasilianer nicht.

  3. mq: Also bei Hulk Hogan kann ich dir versichern, dass er nur sein eigener PR-Agent ist und halb Wrestling-Amerika über ihn lacht und der Rest ihn eher bemitleidet. Sagt aber dennoch einiges über den gestiegenen Mainstream-Appeal von „Soccer“ aus, wenn der sich jetzt da drauf setzt.

    stt: Sie sind wirklich kaum zu ertragen aus humanistischer Sicht. Ich frag mich halt immer nur, was wohl wäre, wenn uns die Hybris so weit führen würde. Würden wir uns als ethisch anspruchsvolle Nation gleichzeitig abwenden und dennoch stolz sein? Ich glaube, so einen Spagat brächten wir hin. Und dafür mag ich unser Nörglerland auch ein bisschen, dass jemand wie Suarez hier nicht zum nationalen Denkmal ausgerufen würde, samt vergoldetem Zahnabdruck vorm Reichstag.

  4. Über den Sinn und Unsinn aus humanistischer Sicht, über Hybris und Ethik mag ich ja gar nicht schreiben. Über Spagat vielleicht, aber nur wenn ich keinen machen müsste. Ich habe mich halt nur geärgert, daß ich mir irgendwie mehr von Brasilien erwartet hatte. Und was machen die Brasilianer, wenn Neymar unerwartet ausfallen sollte? Nur auf die beiden Innenverteidiger und den Torwart zu setzen?
    Und beim Rest hoffen, daß einer davon einen guten Tag erwischt, klappt vielleicht noch im Achtelfinale….

  5. Irgendwas sagt mir (schwer metaphysischer Ansatz, ich weiß), dass auch ohne Neymar was gehen würde. Vielleicht erwacht ja beispielsweise Fred aus seinem interstellaren Kyroschlaf.

  6. Dann aber bitte mit Vollbart! Und dann wird aus dem metaphysischen Ansatz ein logischer, der sogar stochastisch abgesichert ist. Ich bastle grad noch eine entsprechende Statistik zusammen, aber schon jetzt ist sicher, daß im Vergleich zu früheren WMs der Anteil vollbärtiger Torschützen signifikant angestiegen ist. Insider sprechen schon vom brasilianischen „Wurst“-Phänomen.

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