New York

It’s gonna take your hand
It’s gonna drive you home
It’s gonna keep on, keep on, keep on
And then forever run
(Kings Of Leon – Manhattan)

Hurrikan Annie hinterlässt am 6. September einen Regen in Manhattan, wie ich ihn in dieser Ausdauer noch nicht gesehen habe. Es gießt aus Kübeln und das über mindestens 12 Stunden. Dabei bleibt es heiß und schwül, man bekommt kaum Luft. Ich habe einen Schirm und umrunde einmal das Empire State, um mir eine Pizza und Zigaretten zu holen. Zurück im Hotel, nass bis auf die Haut.

Am nächsten Tag strahlender Sonnenschein. Meine Frau kennt die Stadt noch nicht, aber ich war noch jedes Mal auf dem Empire State. Jetzt kann man neuerdings auf’s Rockefeller. Top Of The Rock nennt sich das dann. Ist zwar nur der 70. statt der 88. Stock, aber die Aussicht ist eigentlich noch besser – weil direkt über’m Central Park – und die Plattform großzügiger. Später im MOMA ist gar nicht so viel los und ich finde den Fernseher meiner Eltern nicht. Der stand da mal. Zumindest dasselbe Modell. Eine Art prähistorischer Flatscreen. Die besten Burger gibt’s immer noch bei Wendy’s. In Regensburg war mal ein Wendy’s. Aber da hatte ich noch keine anderen Götter neben Ronald McDonald.

Gerade läuft Nicole Ritchie mit schwulem Sidekick an uns vorbei. Ich wie immer blind, aber meine Frau liest ja die Gala. Abwegig im Central Park und wir landen doch am Ende im Met. Mein Favorit sind auch dieses Mal wieder die Ritterrüstungen. Die von Heinrich dem Achten steht auch rum. Ziemlicher Angeber. Im Fernsehen laufen Serien, die Qualitätstandards einhalten, wie man sie im deutschen Film noch nicht einmal im Kino findet. Selbst Ausreisser nach unten wie der Pilot der neuen Vampirserie „True Blood“ von Six Feet Under-Erfinder Alan Ball sind beletage gegen alles was wir Europäer im TV verbrechen (England ausgenommen). In den News erfährt man wie üblich nichts über die Planeten außerhalb des US-Sonnensystems, aber fairerweise: es ist ein verdammt großes Land.

Die Palin fühlt sich diskriminiert, weil Obama McCains „Change“-Kampagne als Lipstick on a Pig bezeichnet. Schweine im Weltall und blöde Drecksau, denke ich und höre im Radio, dass ein und dasselbe Idiom auch schon von den Republikanern für Obama verwendet wurde. Aber der trägt eben keinen Lippenstift. Die Republikaner sind die neuen Frauenversteher und Sith ist ein Anagramm von Shit. Obama stottert im Fernsehen, aber das ist besser als das was Palin und McCain in den folgenden Tagen noch ablassen werden.

Sauber ist es in Manhattan. Rudy Guiliani war der Meister Proper und Bloomberg putzt weiter. Eigentlich gut, dass sich Rudy als Präsidenschaftskandidat der Sith schwer verpokert hat. Sonst täte sich der Obama noch härter tun. Das Geschrei um die Hockey-Mum ist groß und grotesk, aber letztlich fördert das nur die Inkompetenz des Gespanns McCain/Palin zu Tage und Obama fährt die Kiste nach Hause. Ich leg mich einfach mal fest. Ansonsten würde ich schon mal das Taschentuch zücken und dem Imperium Romanum zum Abschied kräftig winken und dann reinschneuzen. Vielleicht mal die Tommies fragen, wie das ist, die Wirtschaft an der Kriegstreiberei aufzureiben und sich dann klanglos von der Weltpolitik zu verabschieden.

Am nächsten Abend sind wir im Lower East End in Arlene’s Grocery. Es herrscht Rock Karaoke und eine Liveband spielt Led Zeppelin, AC/DC, Janis Joplin und so 70er Zeug. Vollkommen irrsinnige Gitarristen. Ausnahmslos gesangstalentierte Selbstdarsteller treten an und afroamerikanische Frauen liefern den besten Robert Plant, den ich je gehört habe. Jemand hat Geburtstag und das Dosenbier kostet nur drei Dollar, was nach dem derzeitigen Kurs wahrscheinlich Berlinpreise bei Weitem unterbietet. Die U-Bahn um 1 ist totenstill. Lediglich zwei Leute steigen mit uns ein. Das ist gruselig, wenn man vor Kurzem Midnight Meat Train gesehen hat.

Die Staten Island Fähre ist voller als ich sie in Erinnerung habe. Komisch, dass immer noch das WTC in der Skyline fehlt, obwohl ich nur zweimal prä-9/11 in New York war. Ground Zero lässt noch keinen Freedom Tower erahnen. Ein Krater, eine Baustelle als Denkmal. New York weiß, wie man mit der Vergangenheit umgeht. Konnten sie schon immer besser als der Rest der Nation. Alte Kaufhäuser, die Zeit steht still. Alte Aufzüge. Die Zeit steht still. Macy’s hat ganz oben eine Einrichtungsabteilung und die ist ganz offensichlich Leuten gewidmet, die seit den 50ern ganz viel Geld, aber keinen Kontakt zur Aussenwelt haben. Alter Zeitgeist steht still. Die Brooklyn Bridge segnet den East River, finde ich.

Ich würde jetzt gerne die Pogues hören. In Chinatown kaufe ich mir eine Aviator mit Goldrand und grünen Gläsern. Vielleicht spar ich noch nicht mal dabei. Das Schnäppchen-Umrechnen ist mir zu kompliziert. Meine Verdauung ist nach drei Tagen USA schon im Arsch. Ich kaufe mir einen Grey Fedora in einem sehr professionell wirkenden, aber unfassbar altmodischen Hutladen. Der Verkäufer ist männliches Hutmodell mit Aknenarben und berät mich besser als jeder aufstrebende Versicherungsvertreter. Am Ende sehe ich aus wie eine Mischung aus Old Blue Eyes und Indy. Aber das ist ja nicht das Schlechteste.

Bevor wir abreisen schaue ich noch Burn Notice im Fernsehen und finde es gut. Später werde ich mir die erste Staffel kaufen. Bruce Campbell sieht scheiße und cool zugleich aus. Auf dem Weg zum Flughafen schaue ich mich nochmals um, bevor es in den Tunnel raus nach New Jersey geht. Sieht immer noch verdammt gut aus, diese Stadt. Ich könnte sie nicht besser bauen. Es fängt leicht an zu regnen.

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