Krieg

„You Germans are so obsessed with the Second World War.“

sagt die Schwedin, als sie mein Spiegel-Weltkrieg-Hitler-Spezialheft auf dem Küchentisch liegen sieht. „I can’t stand it. All this Nazi shit“, fährt sie fort.

Was du heute kannst besorgen

Neue Weezer kaufen, Entzug vom Erkältungs-Nasenspray schaffen, keinen Ridley-Scott-Film mehr im Kino gucken, The Motorycycle Diaries nicht weiter empfehlen, mich bei irgendjemand für Schweden bedanken, das Wetter zur Hölle wünschen, meine Darth-Vader-Figur von Burger King auf Druckknopfmechanismen untersuchen, meinen Eltern die Fotos von ihrem parkähnlichen, wunderschönen Garten schicken, ein beeindruckendes Thai-Gericht aussuchen, das meine Kochkünste nicht übersteigt, jemand ganz entwaffend ehrlich anlügen, mich nicht von dem Bürowahnsinn in den Irrsinn treiben lassen, T.B. ignorieren oder wegkloppen, den Gig im Frittiersalon eintüten, mich bei irgendjemand für Berlin bedanken, schlafen, schlafen, schlafen.

Dear Munich

München ist synonymisch mit Sommerabenden für mich. Eingebrannt für Dekaden: Freitag Abend, nach einer Woche voller Workflow-Repressalien: Auf der Bierbank sitzend, die Beine im Wasser. Freunde, lauter laute, gemütliche Freunde. Zigaretten, Bier und Tätowierungen im Unterhemd. Die Jeans in Fetzen. Auf dem Weg zurück in die Stadt entfernen sich die Lichter des Sees. Der kurze, angetrunkene Weg zurück zur Münchner Freiheit. Vorbei an der toskanischen Villa, die es so nicht mehr gibt und eigentlich eh nur in meiner Vorstellung gab.

Dann einbiegen in die Wilhelmsstraße, wo schon ein blondes Mädchen vor meiner Haustür wartet, ebenfalls in Unterhemd und Jeans. Mit ausdruckslosen, aber großen Augen. Ich, willenlos und gleichgültig, hineinrumpelnd in die Münchner Nacht. Wo aufgeben noch ungefährlich war.

Jetzt ist es anders. Die pittoresken Verlockungen eines Stein gewordenen Stadttraums lassen mich kalt. Den Ostwind hab ich im Parka und den kriegt auch kein Fön mehr raus. Jetzt kann man sehen, wie es wirklich ist. Chancenlosigkeit und Pechsträhnen werden einem dort kaum verziehen. Die Eiscreme ist die beste, die Mädchen die gepflegtesten und die Italiener sind echt. Aber der Peer-Pressure in Sachen heiler Welt ist zu groß. Ich arbeite unter Hochdruck daran, einmal die Kriterien für eine Rückkehr zu erfüllen. Ob ich dann auch zurückkehre, steht auf einem anderen Blatt.

Neunzehn

Ich wär gerne im Seehaus gewesen, hätte am Fuß der Statue mit einer Maß Bier gesessen, die Bayern Spieler eintrudeln sehen, sie die Meisterschaft feiern hören und dann das Münchner Mädchen geküsst, das ich dabei gehabt hätte. Das wäre meine Meisterfeier gewesen, wohnte ich noch in München.

Da ich seit längerem in Berlin wohne und damit auch mehr als im Einklang bin, sah meine Meisterschaftsfeier so aus: in der Fußballkneipe Staunen, dass keine Buhrufe zum FCB-Sieg kamen, dafür aber reichlich und im Akkord für Schalke. Meinen Pa angerufen, der sagte: „Erst sind wir Papst geworden, jetzt auch noch Meister.“ Danach ein klassisches Allnighter Vier-Bezirke-Saufen und am Ende eine rotz- und ich sage nochmal ROTZbesoffene Neofolkore Band irgendwo am Rosenthaler Platz. Zufällig versteht sich. Sonnenaufgang im Bergstüberl. Anything can happen anytime. Als 19facher Meister weiß ich das.

Kein klarer Gedanke

Reinstalling the deinstalled. Amerika hat viel von seinem touristischen Reiz verloren, seit man bei uns den gleichen Scheiß kaufen und den gleichen Scheiß im Fernsehen sehen kann. Ein gutes Sitcom Szenario: Ein Unternehmen mit einem Pressesprecher, den jeder auf den ersten Blick unsympathisch empfindet. Meine Mutter sagt: Dieter Hildebrand ist ein Humorist mit Anstand. Das macht ihn glaubwürdig. Ein Mädchen, das ich nicht kenne, rüttelt in der Diskothek an mir und sagt ich muss sofort gehen. Der Dialekt meiner niederbayerischen Heimat ist ein Singsang, das hat mich Christian Tramitz heute gelehrt. Johnny Cashs Biografie auf der Cebit lesen und in einem sonnendurchfluteten Raum einschlafen. Einen Rat bekommen: Änder deine sprachlichen Begrifflichkeiten, dann ändern sich auch die Umstände, in denen du sie erwähnst. Tickets für die Eishockey WM in Wien abgelehnt. Einen Auftritt in Schweinfurt abgesagt. Emil Barkow and the magnificent full stop are coming soon.

G.C.

Hier kocht der Chef!

Es war ein waghalsiges Unterfangen. Während eines Sommers wollte ich es schaffen, einen Drink in aller Volke Munde zu bringen, der Altvordere wie Wodka Lemon oder Gin Tonic nervös werden lassen sollte. Gin Cola (oder international Gin & Coke) , oder kurz G.C. war mein Kandidat, den ich ins Rennen um den Sommerdrink 2004 schickte. Und auch wenn die von mir vorgesehene Marketingzeitspanne zu kurz angesetzt war, der Promofeldzug nicht mit genügend Guerillahärte geführt wurde und der Drink auch nicht so super schmeckte, war sein Ende ein unrühmliches.

Angefangen hat alles mit einem Missverständnis auf einem Showcase der Berliner Band „Elke“. Miese Band, miese Leute, mieser Ort, miese Gesundheit und mieses Bier ließen mich an der Bar mit geschnorrten Getränkebongs Whiskey Cola bestellen. Ist gut für den Magen und verleiht miesen Abenden ein Mindestmaß an Freude. Zu der Whiskey Cola sollte ich einem Kollegen noch einen Gin Tonic besorgen und schon hatte ich den Salat. Der Barkeeper stammelte irgendetwas von Gin, Cola und ich war mitten drin in der Bebistik-Revolution. Spontan genehmigte mir meinen ersten Gin C. Er erinnerte mich im Aroma an Dr. Pepper und ich glaubte, eine bisher unentdeckte harmonische Synthese zweier klassischer Longdrinkzutaten entdeckt zu haben. Natürlich vertraute ich nicht nur meinem Instinkt, sondern auch meiner Fachkenntnis, schließlich hatte ich während meiner Studentenzeit in einer Spätkneipe mit strenger Cocktailbar nach Schumanns Art gerabeitet. Und mit Krawatte.

Nachdem ich mich also selbst vom zukunftsträchtigen Aroma überzeugt hatte, verbrachte ich die Folgemonate damit, in jeder denkbaren Berliner Bar GC zu bestellen und die fragenden bis abschätzigen Blicke des Thekenpersonals mit motivierenden Promohämmern wie „Is’n geiler Drink“ auszuhebeln. Die Erfolge blieben aus, selbst in meinem Freundeskreis ließen sich nur wenige auf das Experiment ein und die klagten am nächsten Tag über Kopfschmerzen, was ein unfairer Einwand war, denn das taten sie immer. Ein jähes Ende erfuhr die Kampagne, als der Barkeeper einer Kreuzberger Kneipe bei meiner Bestellung verächtlich auf den Boden spuckte. Ab da hatte ich nun wirklich keine Lust mehr.

Übrigens, ich bin nicht der einzige!

Doppelpasswatch

Meine sonntägliche Leib- und Magensendung „Doppelpass“ (Der Krombacher Fußball Stammtisch) enthielt diesmal folgende Erkenntnisse:

1. Gladbachs Peter Pander, der ja Herrn Hochstätter beerbt, erschien sichtlich nervös (zudem unsympathisch), als ihm aus den Internetumfragen das Fanvotum für Horst Köppel als dauerhafter Trainer entgegen wehte. Will man da etwa den nächsten großen Namen zum Kleintreten des Vereins benutzen? Und ist Erik Gerets eigentlich ein großer Name?

2. Hans Meyer wird/ist senil. Der Mann ergeifert sich bei jeder Frage in gedanklichen Abwegen, wirkt hysterisch und kommt nicht auf den Punkt. Zudem sprach er in seinen pointenlos besserwisserischen Brandreden mehrere Parteien der Gesprächsrunde mit: „Was du vielleicht noch nicht wusstest..“ an. Bitte nächstes Mal wieder Supertrainer Udo Lattek. Der spuckt wenigstens nicht.

3. Toll fand ich diesen freien Journalisten, den verhältnismäßig jungen zwischen all den Knackern, der sich nach nullachtfünfzehn Wortbeiträgen immer nach Zustimmung umgeguckt hat, die anderen Kollegen aber eher betreten weggeschaut haben.

4. Im Allgemein mag ich die Bierseligkeit einer Sonntag-Morgen-Runde. Sie erinnert mich an den Internationalen Frühschoppen der ARD unter Werner Höfer damals, als die superarrivierten Auslandsjournalisten schmauchend ihre reaktionären Weltbilder anhand des aktuellen Weltgeschehens erklärten. Ich hab das mit meinem Opa häufig geguckt. Der Wontorra (und in der Regel auch der Lattek) ist übrigens auf dem besten Weg zur gekünstelten Superarriviertheit. Aber gerade das mag ich. Solche Leute braucht ein Stammtisch.

21 Gramm schwere Kost!

Kein pfundiger DVD-Abend. Auch wenn „21 Gramm“ von einem augenscheinlich brillianten Ensemble (Benicio Del Toro, Sean Penn, Naomi Watts) mit Lust zur Selbstentstellung dirigiert wird und Regisseur Alejandro González Iñárritu (Amores Perros) mit seiner fragmentarischen Erzählweise die Fatalität der Ereignisse trotz der Zerstücklung im Zusammenhang grauslich nahe bringt, fand ich den Film pseudomoralisch, aufdringlich, langatmig und ausrechenbar.

Zugegeben, die eine oder andere Szene hat mich in den Schlaf verfolgt, intensiv muss der Film also gewesen sein, im Gesamten hat mir das Spektakel aber deutlich zu lange gedauert und die Hackepeter-Antichronologie hat mich am Ende kollossal genervt, weil einfach gottverdammt nichts voran ging. Ich glaube wirklich, Herrn Inarritus Standpunkt verstanden zu haben, deutlich verstanden, zu deutlich – JA, ICH HAB’S JA VERSTANDEN! Dieser Diskurs zu fundamentalen Fragen des Lebens wie „Was ist ein Leben wert, wieviel wiegt es?“ (21 Gramm hat jemand gesagt) war mir zu aufdringlich und Sean Penns Löffel-Ab-Monolog wäre nun wirklich nicht mehr notwendig gewesen. ICH HAB’S JA KAPIERT!

Ja, war schon irgendwie gut und im Schlimmen schön anzusehen, aber dann doch zuviel des „Guten“. Man soll halt nicht mit seinen Pfunden wuchern. Sagt übrigens auch Roger Ebert.

Und jährlich grüßt das Murmeltier

Jetzt müssen wir (der FCB) also wieder Meister werden. Nahezu jedes Jahr die selbe Bürde. Und immer aus den gleichen Gründen. Wir verpennen die Championsleague, die Anderen verpennen die Deutsche Meisterschaft und ich verpenne es, mit meinem Ex-Mitbewohner auf die Meisterschaft zu wetten. Denn dann würden wir sie nicht gewinnen. Ganz sicher nicht. Was gibt es sonst Altbekanntes? Gladbach feuert einen Trainer, nämlich Dick Advocaat, und der wird sich bedanken: erst der Prestigeabfall vom Bondscoach zum Schmonzcoach, dann auch noch von den Krauts auf die Straße gesetzt werden. Na ja, selbst schuld wenn man als Holländer in Deutschland arbeitet. Da darf man nicht mit Almosen rechnen. Apropos Almosen, nicht genug, dass man Dortmund seit geraumer Zeit Geld in den unergründbaren, alles verschlingenden Schlund wirft, auch noch Punkte tragen die neuerdings davon. Man möchte fast glauben, der Hoyzer pfeift wieder. Und einer noch für Rudi Assauer: wer in der eigenen Veltins Arena absäuft, darf am Saisonende leider nicht zu tief ins Glas schauen.

Seelsorge

Lag um ein paar Sekunden daneben mit meinem 2:2 Tipp für das Bayern-Chelsea Spiel. Möchte nur folgendes anmerken: Chelsea hat aus einer Chance zwei Tore gemacht, Bayern aus fünfzehn auch zwei. Gezaubert haben weder Siegfrid noch Roy Makaay. Und hat Felix Magath denn nun wirklich seine Seele verkauft, oder warum sitzt er so seelenentleert in seinem Trainerhäuschen? Und wenn ja, an wen? An den ausgebrannten Ottmar Hitzfeld, der aus dem Off wahrscheinlich immer noch das Doppelte von Magath verdient und vor lauter Langweile gegen José Mourinho wettert? Für die Meisterschaft? Die gibt’s doch eh von Schalke als Trost für’s Ausscheiden aus der Championsleague geschenkt. Und wie soll der Magath jetzt ohne Seele überhaupt irgendwas gewinnen? Ich weiss keinen Rat , aber klar, der Kaiser hat einen:

Erfolg ist ein scheues Reh. Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond.